Ein Blick hinter die Leinwand, auf den Zeichentisch

Kingdom of Dreams and Madness Bild

© Bild: IMDb, 2016

Inzwischen bilde ich mir ein, dass es schier unmöglich ist durchs Leben zu gehen und noch nie von der Arbeit der japanischen Filmschmiede Studio Ghibli berührt worden zu sein. Auch wenn mein Gefühl mich da etwas übertreiben lässt, muss es doch zumindest unter Cineasten und Freunden von Animationsfilmen sehr unwahrscheinlich sein. Meist reicht schon ein Bild aus wahren Filmklassikern wie Prinzessin Mononoke, Mein Nachbar Totoro und Chihiros Reise ins Zauberland, um die Kunst der japanischen Animatoren und ihre liebenswerten Figuren wieder ins Gedächtnis zu rufen. Nicht unerheblich beteiligt am Erfolg des Studios ist Mitbegründer Hayao Miyazaki. Seine Filme sind gefühlvolle Meisterwerke, er selbst eine Ikone in der Branche. Umso verlockender ist es natürlich diesem Mann einmal bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. The Kingdom of Dreams and Madness macht’s möglich!

Die Regisseurin Mami Sunada hat für ihren zauberhaften Dokumentarfilm die Produktion von gleich zwei wichtigen Filmen von Studio Ghibli verfolgt, die dann später im Jahr 2013 erscheinen sollten. Die Legende von Prinzessin Kaguya von Isao Takahata wird für den Oskar nominiert werden und Hayao Miyazaki wird Wie der Wind sich hebt zu seinem letzten Film vor dem offiziellen Ruhestand erklären. Der Werdegang beider Projekte, besonders aber des Miyazaki-Werkes, bildet eine eher lose Rahmenhandlung für die vielen Facetten des Films. Mit Spannung lässt sich die Idee vom Storyboard und den ersten Zeichnungen über den Text bis hin zur Sprecherwahl und zum fertigen Schnitt verfolgen. Fast schon unauffällig sind dabei die vielen kleinen Schritte des Zeichentrickhandwerks in den Fluss der Geschichte gestreut. Wer genau aufpasst, wird immer wieder den Glanz, aber auch die harte Arbeit der Animationskunst spüren können, die wir beim Betrachten des fertigen Films meist gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.

So schön dies auch sein mag, ist der springende Punkt an The Kingdom of Dreams and Madness für mich ein anderer. Denn neben der Entstehung der Filme gelingt es Mami Sunada etwas so Flüchtiges wie einen kreativen Prozess einzufangen und jemand so Undurchschaubaren wie Hayao Miyazaki zu beleuchten. Sie erzählt kurz von den Anfängen seiner Karriere, zeichnet das Aufeinandertreffen von Hayao Miyazaki, Isao Takahata und Toshio Suzuki nach. Ein Dreiergestirn, das für Studio Ghibli prägend sein wird und der Grund warum jeder von ihnen noch immer Filme macht, obwohl sie doch aufhören wollen, die Arbeit ihnen eigentlich zu schwer fällt. Ebenso finden sehr persönliche Szenen den Weg in die Dokumentation. Wenn Miyazaki einen Brief über seinen Vater und die Zeit während des Zweiten Weltkrieges schreibt oder wenn er den Tsunami und das darauf folgende Unglück in Fukushima verarbeitet, breitet sich eine ruhige Traurigkeit aus. Auch die Frage ob es wohl Studio Ghibli nach seinem Ruhestand noch geben wird, färbt die Stimmung im Film manchmal bittersüß.

Und trotzdem habe ich in einem Dokumentarfilm selten so oft geschmunzelt, ja gar gelacht. Zu göttlich ist manchmal die Situationskomik, zu wahrhaft rührend die Szenen, um dabei unberührt zu bleiben. Da steht Miyazaki nun einmal am Tag am Fenster des Studios und winkt den Zwergen im Kindergarten gegenüber, die natürlich prompt zurückwinken. Selbst die Studiokatze wagt es nicht bei konzentrierten Phasen des Zeichnens zu stören, zeigt allerdings gern selbst die kalte Schulter. Es wird im Tonstudio gewitzelt, schlagfertig auf Fragen geantwortet und ein riesiger Topf Ramen gekocht. Bei all dem breitet sich eine zengleiche Atmosphäre aus. Diese unerschütterliche Ruhe wird anscheinend beim Filmemachen bei Studio Ghibli auch gebraucht, denn es ist wahrhaft anstrengend und kreative Köpfe – einschließlich Miyazaki – sind nicht immer einfach. Zu gönnen wäre sie ihnen allen ja, die Ruhe, doch ich bin ein unersättliches Publikum. Von Studio Ghibli kann ich nie genug bekommen.

Bettina

Regisseur: Mami Sunada
Filmtitel: The Kingdom of Dreams and Madness
Erscheinungsjahr: 2013

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