Drogen, Drifts und Diebesgut

© Foto: Peter Hammer Verlag, 2016

Die Entscheidung für meinen Beitrag zu unserem Südafrika-Monat fiel ohne große Umwege – Fernlesen leichtgemacht, sozusagen. Dieses Mal war es meine magische Bücherfee, die mir mit einem wohlwollenden „Lies mal. Das ist gut.“ den Roman Young Blood in die Hand drückte. Ein südafrikanischer Autor? Check. Handlungsort ein ehemaliges Township in Durban? Check. Unversehens war ich mittendrin im Geschehen.

Protagonist der Geschichte ist Sipho, der nur wenige Tage vor seinem 17. Geburtstag mal eben die Schule schmeißt. Nur widerwillig stimmen seine Eltern zu, denn immerhin wissen sie genau, dass er Köpfchen hat. Außerdem besitzt Sipho ein geschmeidiges Händchen für Autos, die er liebend gern mit seinem Vater im Hinterhof repariert. Im Tunen von Motoren ist er genauso begnadet wie beim Driften. Sein absolutes Traumauto, ein BMW 325is, liegt jedoch völlig außerhalb seiner Reichweite. Eines schönen Tages taucht sein bester Kumpel Musa mit genau so einem Gefährt bei ihm auf, gewandet in feinste Markenklamotten, frisch aus dem Knast und mit einer Menge neuer Geschäftsideen im Kopf. In Johannesburg hat er gelernt, wie man schnell zu Geld kommt – unter anderem mithilfe einer gewissen moralischen Flexibilität in Bezug auf Laden- und Autodiebstahl. Sein Versprechen an Sipho: endlose Partys, schicke Schlitten und heiße Mädels. Im Gegenzug muss er lediglich dieses unwiderstehliche Jobangebot annehmen und gemeinsam mit dem befreundeten Autoschrauber Vusi eine Liste vorbestellter Luxuskarossen stehlen. Ohne groß nachzudenken, überlässt sich Sipho dem Sog vielversprechender Chancen. Schließlich liegt die Knete zur Erfüllung selbst der wildesten Träume einfach auf der Straße, man muss nur beherzt zugreifen. Obwohl alles ganz harmlos anfängt, wird die Situation so richtig problematisch, als er sich in der Hoffnung auf das ganz große Geschäft mit einer brutalen Gang einlässt …

An dieser Stelle erst einmal tief Luft holen, denn Young Blood gleicht einem beherzten Sprung ins kalte Wasser. Durch das rasante Erzähltempo landet der Leser ohne Umschweife mitten im Township Umlazi. Ein Großteil der Handlung spielt sich innerhalb weniger Wochen ab, was schnell einen umfassenden Einblick in Siphos Alltag, Beziehungen und halbseidene Geschäfte ermöglicht. Mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit bewegt er sich durch die Geschehnisse und zieht einen unwiderstehlich mit. Besonders packend fand ich das realistisch geschilderte, mir völlig fremde Lebensgefühl seines Viertels. Die harten Gegensätze von Arm und Reich, Familiensinn und Gangzugehörigkeit in einer Umgebung allgegenwärtiger, schwelender Kriminalität fand ich zunächst gewöhnungsbedürftig. Ein solcher Alltag – gefühlt stets mit einem Fuß über dem Abgrund – ist für mich schwer vorstellbar und sogar beängstigend.

Der Ton des Romans wird geprägt von gleichzeitig prägnanten wie bildhaften Formulierungen. Die Sprache ist direkt und lebendig, kommt ohne Beschönigungen aus und ist trotzdem einfach schön zu nennen. Kleines Beispiel gefällig?

Musas Pässe machten mich auf dem Platz ausfindig, wo immer ich mich befand – wie durch ein Nadelöhr stachen sie durch das Meer der Beine.
Sifiso Mzobe, Young Blood, S. 18

Dabei geht es in diesem kurzen Absatz lediglich um Fußball! Doch derart treffende Wortkonstellationen finden sich zuhauf, was beim Lesen wiederholt Vergnügen bereitet. Der deutschen Übersetzung muss ich an dieser Stelle einfach mal ein Lob zollen.

Zu Beginn konnte ich mit dem Protagonisten eigentlich nicht allzu viel anfangen: zu naiv, zu leichtsinnig, zu sehr ein moralisch fragwürdiger Verlierertyp. Erst im Laufe des Buches lernte ich Sipho schätzen, da er sich im Gegensatz zu seinem Freundeskreis durchaus Gedanken über sein Tun und dessen Konsequenzen für andere macht. Trotzdem erliegt er natürlich diversen Versuchungen, stürzt sich sogar recht kopflos ins Abenteuer. Auf seine guten Anlagen zu vertrauen und sie besonnen einzusetzen muss er erst lernen. Wie ein Fremdkörper wirkt in diesem Zusammenhang manchmal Siphos Freundin Nana, die als positiver Gegenpart zu seinem Kumpel Musa fungiert. Weil sie Sipho selbst häufig ein Rätsel ist, bleibt sie leider etwas eindimensional, wirkt schlicht zickig, obwohl sie sich durchaus vernünftig verhält. Davon abgesehen erschließen sich die Nebenfiguren aber mühelos. Geradezu kunstvoll webt der Autor deren Motive und Gesinnungen in die Handlung ein, statt durch Charakterbeschreibungen abzulenken.

Young Blood ist ein dynamischer, fesselnder Gesellschaftsroman, der den Leser in ein südafrikanisches Township entführt und nicht mehr loslässt, bis die letzte krumme Tour gedreht ist. Eindringlich werden einige ereignisreiche Monate im Leben eines Jugendlichen geschildert, der voller Energie ist, sich unbesiegbar fühlt und dadurch im tobenden Meer monetärer Verlockungen unterzugehen droht. Das Leben ist eben nicht schwarz-weiß, sondern durchzogen von Grautönen, welche in diesem Buch allesamt zur Geltung kommen. Hier wird einem vor Augen geführt wie herausfordernd, verführerisch und letztendlich leicht der Schritt in die Illegalität doch ist. Wer sind wir, dem zu widerstehen?

Katrin

Autor: Sifiso Mzobe
Buchtitel: Young Blood, ab 16 Jahren
Übersetzung: aus dem Englischen von Stephanie von Harrach
Verlag: Peter Hammer Verlag

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