Ohne Handy kein Leben!

© Foto: Markus, 2016

© Foto: Markus, 2016

Früher haben wir uns sprechende Roboter und fliegende Autos als mögliches Zukunftsszenario ausgemalt. Die südafrikanische Autorin Lauren Beukes, die vielen vor allem durch ihren Thriller Shining Girls bekannt sein dürfte, hat 2008 ein bedrückend realistisches Zukunftsszenario entwickelt, das einen ersten Einblick in das politische System und die sozialen Gegebenheiten von Kapstadt gibt.

Moxyland ist ein Science-Fiction Roman, der dem Subgenre Cyberpunk zugeordnet werden kann. Dabei handelt es sich häufig um eine Dystopie, also um ein pessimistisches Zukunftsszenario. Oft stehen Großkonzerne im Mittelpunkt, die hochmoderne digitale Technologien zur staatlichen Kontrolle und Überwachung nutzen. So auch in Lauren Beukes Vorstellung von Kapstadt in der nahen Zukunft. Dort wird nach dem Motto „kein Handy, kein Service, kein Leben“ gelebt. In dieser Welt dienen die SIM-Karten als Hausschlüssel, Zahlungsmittel und Personalausweis. Gleichzeitig werden sie zur Polizeikontrolle genutzt. Gesetzesbrüche werden mit Elektroschocks über das Handy bestraft und auf der SIM-Karte des Nutzers protokolliert. Die Vergehen sind fortan für jeden anderen online einsehbar und können zu Einschränkungen der Nutzungsmöglichkeiten, im schlimmsten Fall zur Sperrung der SIM-Karte führen, die einer sozialen Ausgrenzung gleichkommt. Die Personen ohne Handys gelten fortan als Obdachlose und leben in den Armenvierteln Kapstadts.

Beschrieben wird das System, das nur noch von digitaler Technologie bestimmt wird, aus Sicht vierer junger Südafrikaner:

  • Kendra: Kunsthochschulabbrecherin und nach einer Injektion lebende Werbefläche der Getränkefirma „Ghost“.  Sie ist eine „Mitläuferin“ des Systems, die sich Erfolge in Ihrer Karriere als Fotografin erhofft.
  • Tendeka: rebelliert offen gegen das System und unterstützt gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Ash die Straßenkinder in den Armenvierteln.
  • Toby: überträgt in seinem 24-Stunden Live-Stream „Tagebuch eines Arschlochs“ seinen gesamten Tagesablauf im Internet. Er flüchtet sich zudem in die fiktive Online-Welt Kiwi Pop, einem Virtual Reality Spiel für Kinder, in dem das zahnlose und mit Knopfaugen ausgestattete Maskottchen Moxy eine besondere Rolle einnimmt.
  • Lerato: Programmiererin bei der großen Firma Communique. Sie nutzt ihre Kenntnisse aus, um die Widerstandsbewegung von Tendeka zu unterstützen.

Bei Moxyland handelt es sich um eine düstere Zukunftsversion, die nicht mehr weit von der Realität entfernt zu sein scheint. Die selbst geschaffene Abhängigkeit der Bürger von der digitalen Technik ist bereits deutlich vorhanden. Kaum jemand hält es in der heutigen Zeit lange ohne ein Smartphone aus. Aber was wäre, wenn große Konzerne und der Staat sich diese Abhängigkeit zu Nutze machen und zur staatlichen Kontrolle einsetzen würden? Das Ergebnis dieses Gedankenspiels ist erschreckend realistisch.

Der Leser wird ohne Einführung regelrecht in die Welt geworfen. Das dort herrschende Regierungssystem wird nicht näher erläutert und wichtige digitale Technologien, Markennamen und Institutionen werden ohne weitere Erklärungen in den Raum gestellt. Auch der Zusammenhang der Geschichten der vier Protagonisten, die jeweils aus der Ich-Perspektive erzählt werden, erschließt sich dem Leser anfangs nicht. Erst nach und nach bildet sich im Kopf des Lesers ein Bild über das dort vorherrschende System, wobei aber auch bis zum Ende nicht alle Fragen beantwortet werden und vieles offen bleibt. Dies hat aber auch den Vorteil, dass sich der Leser ein eigenes Bild machen kann. Darüber hinaus bekommt der Leser einige gute Einblicke in die Lebensweise und die sozialen Gegebenheiten von Kapstadt, obwohl der futuristische Anteil eindeutig überwiegt. Hier hätte ich mir vielleicht noch umfangreichere Beschreibungen über das südafrikanische Leben gewünscht. Vereinzelt wird im Buch auch südafrikanischer Slang benutzt, der einerseits viel zur Atmosphäre beiträgt, andererseits aber auch das Lesevergnügen beeinträchtigen kann, wenn man es nicht mag, vereinzelt unbekannte Begriffe im Glossar nachschlagen zu müssen. Zudem fehlt teilweise der rote Faden zwischen den einzelnen Geschichten der vier Hauptakteure, deren jeweilige Handlungen für sich größtenteils überzeugen, für mich aber kein großes Ganzes ergeben. Auch plätschert die Handlung lange Zeit ohne große Spannungshöhepunkte dahin, bis zum für mich sehr abrupt erscheinenden Ende. Für mich wirkte es so, als ob die Geschichte hier erst richtig losgehen würde.

Insgesamt fand ich vor allem die Beschreibung der politischen Zustände in der nahen Zukunft Kapstadts und die Vorstellung von einer sozialen Abhängigkeit von Smartphones sehr realitätsnah und gleichzeitig beängstigend. Allerdings ist der Einstieg etwas verwirrend und undurchsichtig und auch die spannenden Momente haben mir gefehlt. Das Ende lässt viele Fragen offen und lädt zum Spekulieren ein. Generell fand ich Lauren Beukes Roman als politischen, sozialkritischen Roman über die Gefahren der digitalen Technologie sehr gelungen. Leser, die einen großen Spannungsbogen und Erläuterungen bis ins kleinste Detail bevorzugen, dürften allerdings so ihre Probleme mit Moxyland haben.

Markus

Autor: Lauren Beukes
Buchtitel: Moxyland
Übersetzung: aus dem Englischen von Mechthild Barth
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

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3 Gedanken zu “Ohne Handy kein Leben!

  1. Bettina schreibt:

    Bei dem Buch lacht mich schon das super Cover an. Ich finde immer die Vorstellung besonders verlockend Genre wie Fantasy oder SciFi zu lesen, wenn sie nicht im Pseudomittelalter oder in Nordamerika der Zukunft spielen. Aber wie „südafrikanisch“ ist hier die Stimmung, vom Slang mal abgesehen? Dann muss ich mir nur noch überlegen ob ich vielleicht besser ihren Zweitling Zoo City lese … Da hat sie vielleicht einige der Schwächen ausgebügelt 😄

  2. Markus schreibt:

    Ja, das Cover ist wirklich sehr schön. Auch wenn ich mir teilweise vl. etwas mehr südafrikanischen Flair gewünscht hätte, merkt man schon, dass die Geschichte nicht unbedingt in Amerika spielt. 😉 Außerdem wäre der Einstieg dann bestimmt noch schwieriger gewesen. Und wenn du bodenständge SciFi gemischt mit Sozialkritik magst, dann ist der Roman auch bestimmt etwas für dich. Nur hat mir dann stellenweise halt doch so etwas wie ein Spannungsbogen gefehlt. Zu Zoo City kann ich leider noch nichts sagen, aber werde ich bestimmt auch noch einmal irgendwann lesen. 🙂

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