Wenn die Schuld sichtbar wird

© Foto: Ilke, 2016

© Foto: Ilke, 2016

Oft sieht man den Menschen nicht an, wenn sie etwas Schlimmes getan haben. Wäre das Leben für uns nicht einfacher, wenn die Schuld der anderen sichtbar wäre? Oder würde es das Zusammenleben komplizierter gestalten, weil es unmöglich wäre, mit fremden, schuldbeladenen Menschen objektiv umzugehen? Solch eine Gesellschaft erschafft Lauren Beukes in ihrem Roman Zoo City.

Jeder, der Schuld auf sich geladen hat, erhält zur Strafe ein Tier, das ihm nicht mehr von der Seite weicht und damit einhergehend eine magische Begabung. Mensch und Tier sind so miteinander verbunden, dass eine gewisse Distanz zwischen ihnen körperliche Schmerzen verursacht – man kann es also nicht irgendwo aussetzen sondern ist gezwungen, sich darum zu kümmern. Ein normales Leben mit sicherem Job ist fast unmöglich, wer will schon einen Verbrecher beschäftigen. Die sogenannten „Getierten“ leben in Soweto, einem ehemaligen Township von Johannesburg – wegen der Bewohner auch Zoo City genannt. Unsere Protagonistin Zinzi December erhielt vor einiger Zeit ein Faultier und hat sich inzwischen daran gewöhnt. Was ihr allerdings zu schaffen macht ist ihr hoher Schuldenberg, den sie mit dem Verfassen von Scam-E-Mails zu minimieren versucht. Zinzis besondere Gabe besteht darin, verlorene Dinge aufzuspüren. Diese nutzt sie, um ihren Lebensunterhalt aufzustocken.  Als sie für eine ältere Frau einen Ring suchen soll, wird ihre Auftraggeberin ermordet, bevor sie den Ring übergeben kann. Da Zinzi mit einem Beweisstück am Tatort auftaucht, ist sie der Polizei sofort suspekt. Fortan hat sie neben ihren ohnehin schon großen Problemen auch noch die Polizei am Hals. Aus Neugier und Verzweiflung nimmt sie – entgegen ihrer Regel, Menschen zu suchen – den Auftrag an, das verschwundene Popsternchen Songweza aufzuspüren. Mit dem gezahlten Lohn könnte sie all ihre Schulden begleichen. Noch ahnt sie nichts von der Verschwörung, in die sie hineinstolpert.

Der sarkastische Schreibstil, gespickt mit schwarzem Galgenhumor, hatte mich von Anfang an gepackt und gab der langsam in Gang kommenden Handlung die notwendige Würze. Das harte und skurrile Leben in Zoo City und der Getierten wird so besonders gut unterstrichen. Ab und an findet der Leser Kapitel dazwischen geschoben, die nicht direkt etwas mit der Handlung zu tun haben, sondern die Gesellschaft von Zoo City näher beleuchten: so liest man Zeitungsartikel oder Blogbeiträge über die Getierten oder den Inhalt einer Scam-Mail, den Zinzi verfasst hat. Solche Stilmittel werden meiner Meinung nach viel zu wenig genutzt, etwas Ähnliches hatte ich bisher nur einmal gesehen. Wie auch in Moxyland, von dem euch Markus vor kurzem berichtete, nutzt die Autorin etliche südafrikanische Begriffe, die im Glossar erklärt werden. Dies trägt einerseits zur Athmosphäre bei, behindert andererseits aber teilweise den Lesefluss, weil man erst nachschlagen muss.

Das Cover finde ich toll und sehr passend – als E-Book kommt es leider nicht so gut zur Geltung. Den Klappentext halte ich für misslungen, er hat Erwartungen an eine Story geweckt, die es so gar nicht gab. Er implizierte, dass man erfährt, wie es überhaupt zur Erfindung der Getierten kam, nach welchen Kriterien die Vergabe des Tiers entschieden wird, was genau Der Sog ist und dass im Verborgenen irgendetwas mit allen Getierten geschieht. Dies ist jedoch nicht der Fall. Es wird auch keine Erklärung geliefert, der Leser muss akzeptieren, dass es Magie und den Vorgang des Getiert werdens gibt. Leider erfährt man auch nicht, unter welchen Umständen Zinzi das Verbrechen beging, sie scheint ja kein abgrundtief schlechter Mensch zu sein. Der Showdown war aufgrund der offenen Brutalität mit Ekelfaktor etwas zu viel und hat  mit dem bisherigen Stil gebrochen, was ich aber nicht schlimm finde.

Der Roman hat mir bis auf ein paar Einschränkungen sehr gut gefallen und ich werde sicher noch weitere Bücher der Autorin lesen.

Ilke

Autor: Lauren Beukes
Titel: Zoo City
Übersetzung: aus dem Englischen von Judith Reker
Verlag: Rowohlt

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2 Gedanken zu “Wenn die Schuld sichtbar wird

  1. Soleil schreibt:

    Ich habe jeden bisher auf Deutsch von der Autorin vorliegenden Roman gelesen und halte „Broken Monsters“ für das Beste von allen. Aber in jedem einzelnen hat sie es geschafft, mich auf ganz besondere Gedankengänge mitzunehmen. Ich mag die Autorin sehr und hoffe, dass sie ihr neuestes Buch bald fertig haben wird. Der deutsche Verlag hat schon durchblicken lassen, dass er die Autorin gerne wieder ins Programm nehmen wird.

  2. Ilke schreibt:

    „Broken Monsters“ klingt sehr interessant, danke für den Tipp. 🙂
    Es wird also noch mehr Lesestoff von ihr geben, das freut mich.

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