Ein Schalk erzählt von Transvaal

Mafeking Road Cover

© Foto: Bettina, 2016

Kaum war Südafrika als Ziel für das Fernlesen auserkoren, fragte ich mich, welches Buch wohl für einen Artikel passend wäre. Eine plötzliche Eingebung blieb aus und meine geliebten Leselisten boten auch keine Hinweise. Um diese Lücke nun zu füllen suchte ich fleißig herum, schrieb mögliche Bücher auf und strich sie etwas ratlos wieder. Allmählich zweifelte ich daran nach der langen Zeit noch etwas ganz nach meinem Geschmack zu finden. Also bestellte ich eher mutlos zwei Bücher von südafrikanischen Autoren. Sollte das eine unerträglich sein, könnte mich das andere vielleicht retten. Das hätte es nicht gebraucht! Denn was und wie Herman Charles Bosman in Mafeking Road erzählt, macht jeden Plan B unnötig! Da muss ich es, trotz Georgies abschließenden Worten, einfach noch mit in den September schmuggeln.

In dieser wundervollen Kurzgeschichtensammlung reihen sich 21 Erzählungen von meist wenigen Seiten wie kleine Szenen eines Theaterstücks aneinander. Sie haben zwar so unterschiedliche Zeiten wie die zwei Burenkriege oder das frühe 20. Jahrhundert zum Hintergrund, gehören aber erzählerisch zumindest lose zusammen. Das liegt unter anderem daran, dass sie alle vor der Kulisse der Region Transvaal im Nordosten des heutigen Südafrikas spielen. Weit entfernt von romantischen Landschaftsbeschreibungen und ausufernden Sprachallüren gelingt es Mafeking Road, sich zu einem Panorama dieses Fleckchens Erde zu entfalten. Wichtig sind dabei natürlich die Menschen, in Bosmans Geschichten meist die Buren, die dort leben und diese Szenerie bevölkern. Sie lieben und streiten, sind verzweifelt oder glücklich und durchleben solch verständliche menschliche Emotionen, dass sie im Leser sicher ein Echo finden.

Ein anderes verbindendes Element zwischen den einzelnen Geschichten des Bandes ist ihr Erzähler. Jede Episode wird von der herrlich schalkhaften und doch naiven Figur Oom Schalk Lourenz vorgetragen. Der ist ein Geschichtenkünstler, wie er einer schon fast unwirklichen Vergangenheit entspringen könnte. Einer der in Küchenstuben, in der Taverne und auf dem Marktplatz erzählt – mit Worten, die den Zuhörer einfangen, ihm aber durch beiläufige Kommentare oder kleine Einwürfe Atempausen erlauben. Eine durch und durch vortreffliche Figur, denn seine gleichermaßen einfältige, wie gerissene Art möchte ich nicht missen. Sie versprüht einen Witz, der beim Lesen immer wieder zum Schmunzeln, wenn nicht gar Lachen führt. So sind die Geschichten durchsetzt mit einem trockenen, manchmal tiefschwarzen und bitterbösen Humor, der es schafft auch die herzzerreißenden Stellen erträglich zu machen.

Ein willkommenes Gegenmittel, denn an tragischen Szenen und traurigen Schicksalen mangelt es wahrlich nicht. Da wird ein ruinöses Gerücht über die Rasse eines unbeliebten Nachbarn ins Leben gerufen, ganze Kompanien ziehen in den Krieg, nur um geschlagen zu fliehen und eine Reihe an Familien macht sich auf den beschwerlichen Weg durch die Kalahari. Der Autor beherrscht dabei die Kunst den Wendepunkt seiner Geschichten bis zum wirklich letzten Augenblick hinauszuzögern. Oft blieb mir da beim Lesen die Luft weg und die letzten Sätze einer Erzählung trafen wie ein Schlag in den Magen. Das ist starker Tobak, der in die Knochen fährt!

Bettina

Autor: Herman Charles Bosman
Buchtitel: Mafeking Road
Übersetzung: aus dem Englischen von Michael Kleeberg
Verlag: Unionsverlag

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