Der Niedergang einer Familie war selten dramatischer

© Foto: Karoline, 2016

Nachdem ich gleich im ersten Inkunabel-Jahr eines meiner absoluten Lieblingswerke vorgestellt hatte, konnte ich es einfach nicht zulassen, das neuste Werk des französischen Autors Joël Dicker unkommentiert zu lassen. Denn wieder einmal fand ich meine Vorliebe für seinen Schreibstil und dramaturgischen Aufbau bestätigt.

Während in Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert der junge Schriftsteller Marcus Goldman in einer echten Schaffenskrise steckt und nur mit Hilfe seines Mentors wieder herausfindet, setzt die jetzige Geschichte wenige Zeit später an. Marcus ist nach wie vor ein gefeierter Autor und beginnt gerade ein neues Werk zu schreiben. Ähnlich wie im ersten Teil will sich jedoch nicht so richtig die Inspiration einstellen. Zufällig begegnet er seiner Jugendliebe Alexandra wieder und beginnt in Erinnerungen zu schwelgen: an die Familie seines Onkels in Baltimore, die ein perfektes Leben führte. Onkel Saul ist Staranwalt, Tante Antia erfolgreiche Ärztin, sein Cousin Hillel hochbegabt und sein adoptierter Cousin Woody ein absolutes Sport-Ass. Alexandra ist die attraktive Nachbarstochter, die allen Jungs den Kopf verdreht. Die Batimores scheinen alles zu haben, sodass Marcus sich mit seinem Leben in Montclair erbärmlich vorkommt. Doch Geld, Liebe und Zukunftspläne wurden durch eine Katastrophe zunichte gemacht, die auch das Leben des jungen Schriftstellers stark beeinflussen sollte.

Was ist das bloß für eine Katastrophe? – Das fragte ich mich im Verlauf des Buches unzählige Male. Doch ähnlich wie auch bei Harry Quebert lässt der Autor den Leser sehr lange Zeit im Dunkeln tappen. Das Buch ist in mehrere Teile untergliedert, die allesamt mit Schockmomenten enden. Der erste Abschnitt nimmt die Hälfte des Buches ein. Hier wird langsam und wirklich einfühlsam die Kindheit und Jugend von Marcus und seinen beiden Cousins geschildert. Diese langsame Charakterentwicklung mag nicht jedermanns Sache sein, mich zog sie jedoch erneut komplett in ihren Bann.

Wieder einmal ist das Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben. Marcus Goldman gibt seine Erinnerungen wieder und scheint doch gleichzeitig ein allwissender Erzähler zu sein. Die Perspektive wechselt häufig zwischen den Kindheitserinnerungen mit seinen Cousins sowie der Gegenwart, in der er seine verlorene Liebe wiedertrifft. Diesmal störte mich jedoch, dass Marcus den Leser bewusst unwissend lässt. Ständig redet er von der Katastrophe, die da kommen wird, und geht doch erst nach 450 Seiten so richtig darauf ein. Bei den Mordermittlungen rund um Harry Quebert war dies noch nachvollziehbarer. Der Spannungsbogen ist zwar bei diesem Buch ebenfalls ausgezeichnet, aber diesmal wirkte er dadurch etwas zu konstruiert.

Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass wenigstens in einem Satz ein Bezug zu Harry Quebert hergestellt wird. Dies war jedoch nicht der Fall. Einerseits war ich enttäuscht, andererseits finde ich es gut, denn so kann der Leser diese Geschichte als vollkommen eigenständig sehen.

Anstrengend hingegen war die permanente materialistische Einstellung von Marcus Goldman. Einen Großteil des Buches redet er seine eigenen, hart arbeitenden Eltern klein und macht sie schäbig, während der millionenschwere Onkel in den schillerndsten Farben beschrieben wird. Manchmal schafft er es zu relativieren und kommt auch auf die inneren Werte zu sprechen, jedoch leider nicht immer.

Auch wenn mir Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert besser gefallen hat, kann Die Geschichte der Baltimores durchaus mithalten. Joël Dicker hat einmal mehr seine Stärke in der einfühlsamen Beschreibung der Charaktere gezeigt und mich dadurch wieder einmal begeistert. Ich bin sehr gespannt auf sein nächstes Werk. Wird es ein neuer „Goldman“ werden?

Karoline

Autor: Joël Dicker
Buchtitel: Die Geschichte der Baltimores
Übersetzung: Aus dem Französischen von
Brigitte Große und Andrea Alvermann
Verlag:
Piper Verlag

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