Geheimnisse der weissen Hölle

© Foto: Karoline, 2016

Bei diesem verregneten Herbstwetter neigt so mancher von uns zur Melancholie. Dabei sind draußen herrliche Temperaturen, zumindest wenn man sie mit denen der Arktis vergleicht. Um mir vor Augen zu führen, wie gut ich es doch mit dem hiesigen bewölkten Himmel habe, musste ich einfach nur Terror von Dan Simmons lesen, mein aktuelles Patentrezept gegen üble Schlecht-Wetter-Laune.

Im Jahr 1845 startet im Auftrag der Royal Navy eine Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage, der sagenumwobenen Verbindung zwischen Arktis und Pazifik. Leiter dieser Expedition ist Sir John Franklin, der sich auf seine alten Tage noch einmal als großer Forscher hervortun möchte. Mit ihm ziehen Kapitän Francis Crozier und 132 Männer auf den zwei Schiffen HMS Erebus und HMS Terror gen Norden. Von übersteigerten Ambitionen des alten Franklin angetrieben, frieren sie an einer ungünstigen Stelle im Packeis ein. Es folgen harte Winter mit minus 70 Grad, schwindende Lebensmittel- und Kohlevorräte, Meutereigedanken, Packeis, das nach und nach die Schiffe zerquetscht – und das Monster im Eis. Drei Jahre lang führen die Expeditionsteilnehmer einen verzweifelten Überlebenskampf, bei dem das Ende schon festzustehen scheint.

In Rekordgeschwindigkeit habe ich diesen 962 Seiten dicken Wälzer verschlungen. Die historischen Fakten in Verbindung mit fantastischen Horrorelementen machen diesen Roman für mich so besonders. Einerseits weiß der Leser wie die ganze Geschichte ausgeht, denn das Schicksal der HMS Terror und HMS Erebus ist dank massenhafter Aufklärungstrupps erforscht. Wie es jedoch so weit kommen konnte, mit welchen Geheimnissen und Schrecken die Besatzungen vorher konfrontiert wurde, wird schonungslos von Dan Simmons beschrieben.

Der betont langsame Schreibstil unterstreicht die schrittweise Zermürbung der im Eis gefangenen Menschen, mag jedoch nicht jedermanns Sache sein. Ich gebe zu, dass ich einige der detaillierten Beschreibungen des Schiffaufbaus, des Schiffspersonals und der Abläufe im Matrosenalltag lediglich überflogen habe, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Der kapitelweise Wechsel der Erzählperspektive bereichert um verschiedene Sichtweisen und untermauert die unterschiedlichen Motivationen der Akteure. So wird der Leser insbesondere mit Kapitän Croziers Gedanken, aber auch mit denen des Leutnants Irving, des Eislotsen Thomas Blanky, des Vortoppmanns Harry Peglar und natürlich mit denen des Expeditionsleiters Sir John Franklin konfrontiert. Eine ganz besondere Note bilden die Tagebucheinträge des Assistenzarztes Harry D.S. Goodsir. Durch ihn erfährt der Leser auch von der grausamen Seefahrer-Krankheit Skorbut. Ich muss zugeben, dass ich Vitamin C-Mangel schlichtweg unterschätzt habe. Sehr plastisch wird vom Autor beschrieben, wie erst das Zahnfleisch anfängt zu bluten, später schwarz wird und die Zähne ausfallen, während die Betroffenen durch blutende Wunden immer schwächer werden und schließlich sterben. Dass es im arktischen Winter so gut wie kein Sonnenlicht gibt, wird wohl zusätzlich dem Vitamin D-Haushalt nicht gut getan haben.

Das Monster im Eis ist von Anfang an ein sehr präsenter Bestandteil der Handlung. Daher fragte ich mich nach den ersten 100 Seiten was da noch so alles kommen mag. Schließlich war der Spannungsbogen um das Auftauchen des Bösewichts doch schon vorüber. Ich wurde eines Besseren belehrt, denn das Fantasy-Element Monster ist nur eine Gefahr von vielen, die sich durch das Buch ziehen. Immer wieder wurde ich mit ungeahnten, teilweise grausamen Wendungen überrascht, die ich viel weiter hinten oder gar nicht im Buch vermutet hätte. Eine winzige Prise Sex und das Erinnern an frühere Zeiten sorgten für etwas Auflockerung. In der Mitte des Buches fragte ich mich dann, was das fantastische Element des Eismonsters in einem sonst so realistsichen Roman zu suchen hat. Die Auflösung ganz am Ende war jedoch eine runde Sache und auch besser als jede meiner vorher ausgedachten Theorien.

Ich würde jedem, der Terror lesen möchte, raten, das Hardcover zu kaufen. Leider ist die Beschaffenheit des Softcover-Buchdeckels alles andere als stabil, ich persönlich habe ihn mit Klebestreifen versucht etwas zu auszubessern. Für das bessere Verständnis der Seemanns- und Inuit-Sprache sind im Anhang Glossare enthalten. Dort befindet sich auch eine Liste der gesamten Besatzung beider Unglücksschiffe. Wer Geschichten rund um mysteriöse Expeditionen liebt, aber die etwas wärmeren Gefilde vorzieht, dem kann ich auch wärmstens Die versunkene Stadt Z von David Grann empfehlen.

Karoline

Autor: Dan Simmons
Buchtitel: Terror
Übersetzung: Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag

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2 Gedanken zu “Geheimnisse der weissen Hölle

  1. Melanie schreibt:

    Hallo Karo,
    ich habe „Terror“ als Taschenbuch hier stehen, schon seit längerem. Irgendwie habe ich mich bisher noch nicht herangetraut. 🙂
    Liebe Grüße

    • Karoline schreibt:

      Ja, also allein die Dicke kostet ja Überwindung, aber ich hab es nicht bereut. Merke trotz der vielen Bücher, die ich mittlerweile danach gelesen hab, sind meine Gedanken immer mal wieder bei Sir John Franklin und seinen Männern 😉

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