Alltagsbeichte einer vierfach verwitweten Renterin

© Foto: Carmen, 2016

Kennen Sie Renate Bergmann? Nein? Na dann wird es Zeit. Durch puren Zufall beim Stöbern nach neuer Lesenahrung stieß ich auf dieses Buch. Hm, dachte ich mir – klingt ziemlich chaotisch und witzig. Also bestellte ich es kurzerhand. Was soll ich sagen? An einem Freitag Nachmittag brachte es mir der Postbote und noch am selben Tag hatte ich es innerhalb von zwei Stunden verschlungen. Dabei wischte ich mir häufiger einige Lachtränen aus den Augen und wusste: die anderen Bücher WILL ich auch haben.

In diesem ersten Buch, Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker , berichtet die rüstige Rentnerin Renate Bergmann aus ihrer Sicht von den Fallstricken der modernen Kommunikation, genau so wie von der Auseinandersetzung mit diversen Eigenheiten des Alltags. Hinter der humorigen Kunstfigur verbirgt sich allerdings in Wirklichkeit Torsten Rohde, der mit einem Twitteraccount vom Leben der Online-Omi erzählte und sich auf diese Weise zum Internet-Phänomen entwickelte.

Renate Bergmann ist 82, viermal verwitwet, aber keine schwarze Witwe, alle Männer sind ordentlich gestorben! Das Gießen dauert immer einen halben Tag, da alle auf einem anderen Friedhof liegen. Und sie bekommt von ihrem angeheirateten Neffen ein Tomaten-Telefon geschenkt. Ich verrate hier die Marke nicht, das kriegt ihr schon selber raus. Nach einer Einweisung probiert sie als erstes die Tasten, die sie laut Stefan NICHT braucht. Das Ende vom Lied: die stolze Ausgabe von 3.500 Euro für ein gebrauchtes Abendkleid von Lady Di. Im Haus achtet Renate darauf, dass die Hausordnung ordentlich gemacht wird. Da werden die schlampigen Nachbarinnen schon mal überwacht und angepflaumt. Sie sieht sich noch von der alten Garde, da muss alles blitzen, obwohl es bereit einen Verweis von der Hausverwaltung gab, weil sie mit … ups – das solltet ihr lieber selber lesen!

Auch die Freunde und Bekannten von Renate sind absolut liebenswert, wie zum Beispiel Kurt und Ilse, ein Ehepaar auch in den 80ern. Kurt hat noch 40 % Sehstärke, fährt seinen Toyota grundsätzlich nur 60 im zweiten Gang und immer so, dass die gestrichelte Linie sich zwischen den Rädern befindet. Man stelle sich das mal live vor. Aufs Navi hört er grundsätzlich nicht. So werden die Ausfahrten zu spannenden Erlebnissen. Auch über Renates Tochter Kirsten erfahren wir recht Abenteuerliches: „Die ist ein bisschen neben der Spur, der Vater war auch ein Spinner!“ Das ist Renates Erklärung für Kirstens Esoterikspleen, Tierheilungssummen und andere kuriose Einfälle. Und wenn Frau Bergmann einkaufen geht, hat sie ebenfalls so ihren Eigensinn. Obst oder Gemüse abwiegen an der Computerwaage? Kommt nicht in Frage. All diese Tasten und Knöpfe … Da drückt sie einfach Porree, der ist gerade billig. Zur Zeit geht das allerdings nur noch bei REAL, im Edeka hat sie bereits Hausverbot. Zum Brüllen komisch ist auch wenn sie schildert, wie sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin Gertrud auf Beerdigungen geht. Da schauen beide immer die Annoncen durch – schließlich fallen zwei alte Damen extra doch nicht auf beim Leichenschmaus (und auch nicht ihre Tupperdosen).

Die lose Sammlung satirischer, kleiner Alltagsepisoden ist in der Ich-Form verfasst und liest sich herrlich kurzweilig. Das Buch sorgt zwischendurch für Aufheiterung oder eignet sich perfekt als Lesespaß während der Bahnfahrt. Aber Achtung: Wer nicht gern schiefe Blicke seiner Mitmenschen erntet, liest es besser zu Hause. Selbst bin ich zwischendrin öfter mal in lautes Lachen ausgebrochen. Renate Bergmann ist eben eine Oma, die sich jeder wünscht. Eigentlich schade, dass sie nur eine fiktive Figur ist … Der Autor schafft es mühelos, in die Haut der aktiven Rentnerin zu schlüpfen, sodass man ihm seine Erlebnisse mühelos als wahr abnimmt. Das Ganze liest sich herrlich skurril und ist ein bisschen, wirklich nur ein winziges bisschen übertrieben.

Ich bin froh, dass es diese Bücher gibt! Einiges ist wirklich realistisch beschrieben und direkt aus dem Leben, anderes genial überspitzt, aber doch immer im Rahmen des Möglichen. Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker liest sich weg wie nichts – wobei die anderen Buchtitel von Renate Bergmann dieser Vorlage in nichts nachstehen. Im Moment gibt es acht verschiedene Teile, von denen ich immerhin sechs gelesen habe und die mich allesamt sehr amüsierten. Mein Fazit: entweder liebt man diese Rentnerin oder man kann sie nicht ab. Mir hat es jedenfalls großen Spaß gemacht, sie kennen zu lernen.

Carmen

Autorin: Renate Bergmann (aka Torsten Rohde)
Buchtitel: Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker – Eine Online-Omi sagt, wie es ist
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

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