Eine Leiche an der Angel

© Foto: Bastei Lübbe, 2016

Wer aufmerksam unsere Beiträge verfolgt wird wissen, dass Inkunabel viel für M.C. Beatons Romane rund um Agatha Raisin übrig hat. Nun hat Bastei Lübbe endlich den ersten Band einer anderen Buchreihe der Autorin um den Polizisten Hamish Macbeth veröffentlicht. Bevor irgendjemand auch nur bis drei zählen konnte, hatten sich Carmen, Karo und Tine bereits auf die Geschichte gestürzt und sie innerhalb kürzester Zeit gelesen. Nur wenig später überließ mir meine Mutter ihr Exemplar und ich hatte zwei Tage lang einen äußerst vergnüglichen Arbeitsweg mit Hamish fischt im Trüben.

Im schnuckeligen Dörfchen Lochdubh in den schottischen Highlands geht normalerweise alles gemächlich vonstatten. Mit dem harmlos wirkenden Police Constable Hamish Macbeth – generell als fauler Schnorrer verschrien – haben sich die Bewohner der Gegend arrangiert. Seine sonst heitere Gelassenheit weicht jedoch einem schwer zu deutenden Gefühl des Unbehagens, als die örtliche Angelschule eine neue Gruppe von Touristen in die Geheimnisse des Forellenfangs einzuweihen beginnt. So unterschiedlich die Teilnehmer des Kurses auch sein mögen, in einem Punkt sind sie sich einig: Alle verabscheuen Lady Jane! Die ebenso pummelige, wie scharfzüngige Frau mischt mit ihren Kommentaren den Angelkurs ganz schön auf – bis sie nur einige Tage später tot aus dem Wasser gezogen wird! Doch wer ist der Täter? Die polizeiliche Verstärkung aus der Großstadt steht vor einem Rätsel, denn Lady Jane hatte gegen jeden einzelnen der Angelschüler etwas in der Hand. Zudem war das Opfer anscheinend nicht die Person, die sie zu sein vorgab. Ohne große Begeisterung muss sich Hamish nun doch dazu bequemen aktiv zu werden und bemüht seine rund um den Globus verteilten Kontakte, um den Fall zu lösen …

Der schottische Dorfpolizist Hamish Macbeth erblickte bereits 1985, sieben Jahre vor Agatha Raisin, in Großbritannien das Licht der Welt und löste mittlerweile in 33 Büchern mindestens ebenso viele Mordfälle. Die Krimis sind dort nach wie vor derart erfolgreich, dass allein 2016 zwei neue Titel veröffentlicht wurden. Dabei schreibt M.C. Beaton seit 1992 parallel an der heute schon 28 Bände umfassenden Raisin-Reihe. Und das ist lediglich ein Teil der Werke, welche die englische Autorin Marion Chesney unter einem ihrer sieben (!) Pseudonyme veröffentlicht hat. Wenn das mal kein Beispiel nahezu unheimlicher Produktivität ist …

Natürlich ist der Umfang der einzelnen Buchtitel mit je etwa 250 Seiten nicht allzu groß und geübte Leser verschlingen solcherlei Krimi-Häppchen bestimmt innerhalb von zwei bis drei Stunden. Passend dazu überzeugt der geerdete Schreibstil mit seinen kurzen, schlichten Sätzen. Die Übersetzung von Sabine Schilasky umgeht geflissentlich alle Stolpersteine und sorgt für einen geschmeidigen Lesefluss. So fühlt man sich sofort vertraut mit Figuren und heimisch im Handlungsort. Nur ganz am Rande fiel mir irgendwann das Fehlen moderner Kommunikationsmittel auf, einziges Zeichen dafür, dass die englische Romanfassung vor über 30 Jahren verfasst wurde. Angestaubt wirkt hier trotzdem nichts.

Trotz der flotten Geschwindigkeit kann man in die Welten von M.C. Beaton abtauchen. Der Leser begleitet ihre Figuren zwar in vergleichsweise kleinen Zeiträumen, lernt sie dafür aber von Band zu Band besser kennen. Im Vergleich schneidet Agatha für mein Gefühl momentan sogar etwas besser ab. Sie trumpft mit einer derart schrägen, sperrigen Persönlichkeit auf, dass Hamishs Gleichmut und trockene Bissigkeit dagegen weniger ins Auge fallen. Er selbst ist schlichtweg nicht so schrullig, während der Witz des Buches etwas hintergründiger ist und häufig auf die Nebencharaktere abzielt. Nichtsdestotrotz mag ich Hamish sehr gern und bin äußerst gespannt, was es wohl noch alles über den Mann mit dem dramatisch klingenden Nachnamen Macbeth zu erfahren gibt. Über seine Familienverhältnisse wurde zwar bereits einiges verraten, doch da ist immerhin noch eine unterschwellig angedeutete Romanze im Gange. Der augenscheinlich notorisch faule „Bobby“ hat wohl tiefe Gefühle und ist im Innersten vielleicht doch nicht so gelassen, wie er allen anderen weismachen will.

Hamishs erster Fall machte auf mich mehr noch als die Agatha-Raisin-Bücher den Eindruck, nur in zweiter Linie ein Kriminalroman zu sein. Im Grunde dreht sich, wie schon bei Jane Austen, alles um die alltäglichen Erlebnisse einer kleinen Gruppe von Menschen innerhalb eines Mikrokosmos. Anstatt die Geschehnisse zu überstürzen, werden erst einmal sämtliche Nebenfiguren vorgestellt. Als schließlich die Leiche der grässlichen Lady Jane auftaucht, ist die Hälfte des Buches bereits umgeblättert. Ab diesem Punkt erfolgt die Auflösung des Mordes dann rasch und eigentlich nur indirekt – obwohl alle Teilnehmer des Angelkurses verdächtig sind und mehrheitlich starke Motive hatten. Dafür ist das Ende jedoch ganz im Stile eines Hercule Poirot gehalten. Kristina fand diese Herangehensweise zum Beispiel etwas enttäuschend, während ich kein Problem damit hatte. Nachdem erst einmal alles etabliert ist, kann es im zweiten Teil dann eben zügiger ans Eingemachte gehen.

Zumindest hat mich Hamish fischt im Trüben genauso an der Angel wie Anno dazumal Agatha Raisin und der tote Richter. Besonders wenn man wie ich gern unterwegs in öffentlichen Verkehrsmitteln liest, sind Hamishs Abenteuer schlichtweg die perfekte Lektüre. Unterbrechungen stören nicht und der Leser kann gedanklich problemlos immer wieder dort anknüpfen, wo er den Protagonisten zuvor verlassen hat. Damit ist der Roman im besten Sinne adequate Unterhaltung für Zwischendurch. Den 26. Mai 2017 habe ich mir gedanklich bereits rot im Kalender vermerkt, denn Hamish Macbeth geht auf die Pirsch.

Katrin

Autorin: M.C. Beaton
Buchtitel: Hamish Macbeth – Hamish fischt im Trüben
Übersetzung: aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Verlag: Bastei Lübbe

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