Wer will schon jetzt gleich Kaiser sein

Cover Goblin Emperor Winterkaiser

© Cover: Tor Fantasy (links), Fischer Tor (rechts)

Werde ich über meine Buchvorlieben ausgefragt, lasse ich meist auch das Wort Fantasy fallen und ernte nicht selten Unverständnis. Noch heute leidet das Genre unter dem Ruf eintönige, realitätsferne Kost zu servieren. Immer wieder dreht es sich um Elfen und Orks oder all die in öden Landschaften hausenden, übermächtigen Zauberer auf der Suche nach magischen Artefakten, die die Welt zerstören könnten. Ganz zu schweigen von den vielen Königssöhnen, Adelstöchtern sowie verborgenen Erben jeder Art, die das Genre prägen. Inzwischen bin ich aber gewappnet und kann solchen Vorwürfen mit einer ganzen Latte großartiger Beispiele origineller Fantasy-Literatur entgegen treten. Dazu gehört jetzt seit kurzem auch The Goblin Emperor von Katherine Addison.

Dort erzählt sie die Geschichte von Maia Drazhar, dem vierten Sohn des Elfenkaisers Varenechibel von Ethuveraz, einer Art Königreich im Industriezeitalter, bevölkert von Elfen und Goblins. Nach dem Absturz eines Luftschiffes sind nicht nur Maias Vater, sondern ebenfalls sämtliche weiteren Erben des Elfenthrons tot und der bis dahin verschmähte vierte Sohn wird aus dem Exil auf dem Land geholt, um zum neuen Kaiser gekrönt zu werden. Maia findet sich nun unerwartet auf dem Thron wieder, muss versuchen der Lage Herr zu werden und vor allem dabei am Leben zu bleiben. Gar nicht so einfach, denn er ist das Kind aus einer unglücklichen, politischen Ehe Varenechibels mit der Tochter des Goblin-Oberhauptes und damit sozusagen multiethnisch. Noch dazu ist er jung, wenig gesellschaftlich bewandert und gänzlich unvorbereitet. Alles Tatsachen, die am Hof immer wieder für Unmut sorgen. Als der Absturz, der ihn auf den Thron gebracht hat, sich als Anschlag und nicht als Unfall herausstellt, lässt der Tumult also nicht lange auf sich warten.

Für wen Intrigen zum Spaß dazugehören und wer Geschmack an Ränkespielen findet, wird hier großartig bedient. Die geheimen Machenschaften driften aber nie ins Hanebüchende ab, sondern bleiben nachvollziehbar. Da will der Herzog eben dem neuen Kaiser weismachen, er hätte schon mit seinem Vorgänger eine vorteilhafte Hochzeit mit der Prinzessin geplant. Das Lesen von Briefen wird mit all seinen Andeutungen glatt zum Decodieren. Gelegentlich fühlt man sich an ein Schachspiel oder einen komplexen Tanz erinnert. Ein falscher Schritt bringt alle Teilnehmer durcheinander, ein unbedachter Zug kann wichtige Unterstützung kosten. Denn obwohl Maia viele Feinde hat, umgeben ihn auch bald Freunde wie seine Leibwächter, sein Sekretär oder Mitglieder des Kabinetts. Am Ende zählen dazu gar seine neue Verlobte und der Botschafter der Goblins.

Als Rahmen für all dies hat die Autorin eine wohldurchdachte Welt entworfen. An adligen Familiendynastien, Geistlichen verschiedenster Ausrichtung oder geschäftigen Kaufmännern mangelt es nicht. Gerade die innovativen Denker haben es Maia mit ihrer Idee angetan, eine mechanische Brücke über den größten Fluss des Landes zu bauen. Besonders der Hof des Kaisers und die mit der Regierung verbundenen Ämter sind anfänglich vielleicht etwas kompliziert, sodass man Maias Verwirrung nur zu gut nachvollziehen kann. Gemeinsam mit ihm orientiert sich der Leser aber schnell und es geht ans Eingemachte.

Soweit so gut. All dies reicht sicher aus um die Geschichte aus bekannter Fantasy-Kost herausstechen zu lassen, aber für mich wird The Goblin Emperor erst durch seinen Umgang mit Maias Entwicklung zu einem großartigen Buch. Er fühlt sich zwar seinem Amt keineswegs gewachsen, versucht jedoch ausdauernd ein guter Kaiser zu werden und dabei zudem ein guter Mann zu sein. Doch wie soll er seinen persönlichen Wünschen gerecht werden, wenn der Kaiser mit jeder Abweichung von der Tradition Missbilligung ernten könnte? So ringt er also mit seinem Bedürfnis freundschaftliche Beziehungen zu seinen Untertanen aufzubauen, kämpft darum seine Empathie zu behalten und seine unkonventionellen Ideen durchsetzen zu können. Beachtenswert ist weiterhin, welche Rolle Maias multikulturelle Herkunft und seine unglückliche Kindheit für ihn spielen. Beides sind Faktoren, die hervorragend in die Geschichte eingebunden sind und auf vielen Ebenen Stoff zum Nachdenken über unsere eigene Welt bieten.

Auch deswegen landete der Titel nach seinem Erscheinen im Englischen prompt auf der Liste der Nominierten für mehrere wichtige Auszeichnungen im Genre. Im Glauben, das Buch würde sowieso nie ins Deutsche übersetzt, besorgte ich mir daraufhin die Originalfassung. Seitdem ist aber glücklicherweise der neue Imprint Fischer Tor auf der Bühne erschienen, um viel neuen fantastischen und futuristischen Lesestoff in die hiesige Buchlandschaft zu holen. Mit deren Übersetzung Der Winterkaiser kann sich nun hierzulande jeder davon überzeugen, dass die Plätze auf den Preislisten nicht von ungefähr kommen.

Bettina

Autorin: Katherine Addison
Buchtitel (eng.): The Goblin Emperor
Buchtitel (dt.): Der Winterkaiser
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Petra Huber
Verlag (eng.): Tor Fantasy
Verlag (dt.): Fischer Tor

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