Lady Connies Libido und der Wildhüter von nebenan

© Foto: Karoline, 2016

Obwohl ich meine Überschrift nach wie vor als schmissig empfinde, ist es doch fast eine Beleidigung, diesen hervorragenden Klassiker nur auf seine sexuelle Komponente zu reduzieren. Die Öffentlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts tat es jedoch und so wurde mein Interesse an diesem einst als verrucht geltenden Roman erst recht entfacht. Trotzdem hat er so viel mehr als nur Erotik zu bieten.

Lady Connie fügt sich in ihr Schicksal, als ihr frisch angetrauter Ehemann nach dem Krieg im Rollstuhl zurückkehrt. Doch nicht nur Lord Cliffords Beine sind von nun an funktionsuntüchtig. In Ermangelung eines innigen Körperkontakts stürzen sich beide als Ausgleich in den intellektuellen Austausch, der sie ursprünglich zusammengeführt hat. Bald jedoch merkt Connie, dass auch Cliffords Seele schwere Verletzungen erlitten hat. Zunehmend fühlt sie sich von seiner besitzergreifenden Art und der permanenten Hilfsbedürftigkeit eingeengt und flieht in den Wald. Hier begegnet sie eines Tages dem neuen, einsiedlerischen Wildhüter Mellors. Seine menschenscheue und trotzdem kraftvolle Art zieht sie immer wieder zu seiner einsamen Waldhütte. Mit ihm wird sie die Sinnlichkeit erleben, bei der sie dachte, sie nie empfinden zu können.

Ich ging bei Lady Chatterley immer von einem Roman aus, der aufgrund seines erotisches Geplänkels die Zeit so erfolgreich überstanden hat und zum Klassiker werden konnte. Was lag ich doch falsch! Dieses Buch schildert zart und geradezu einfühlsam die Ohnmacht einer ganzen Generation, die gefangen ist zwischen Krieg und Industrialisierung. Jeder hat Opfer gebracht, an denen er fast zerbrochen wäre und die tiefe Narben in der Seele hinterlassen haben. Ob es nun Clifford ist, der in der Blüte seiner Jahre kein selbstständiges Leben führen kann, Connie, die durch Cliffords Behinderung von ihm drangsaliert wird und keine Kinder bekommen kann oder Mellors, der vor der ganzen grausamen Welt zu fliehen scheint. Sie sind gefangen in gesellschaftlichen Zwängen, die eine Verbindung zweier Menschen aus unterschiedlichen Schichten untersagt und somit die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft im Keim zu ersticken droht. Allgemein fehlt ihnen allen eine Perspektive für die Zukunft, sie sehen sich als die Verlierer der Industrialisierung und Maschinisierung der Welt.

Der allwissende Erzähler begleitet Lady Constance Chatterley von ihrer frühen Jugend an, bei der sie Sex immer als der Intelligenz untergeordnet betrachtete, ja, sogar die Männer dafür verachtetete, wenn sie sie begehrten. Doch während der schwierigen Ehe mit Clifford beginnen ihre Überzeugungen zu wanken. Immer mehr stellt sie die Sinnlosigkeit und Leere ihrer Beziehung zu Clifford fest und verzweifelt darüber. D.H. Lawrence schafft es, Connie nach und nach von einer zutiefst durchgeistigten, zu einer natürlichen Frau werden zu lassen.

Selbstverständlich kommen in dem Skandalroman von 1928 einige Sexszenen vor. Sie sind jedoch keineswegs ordinär, sondern wunderbar ästhetisch formuliert und voller leidenschaftlicher Verzweiflung. Es geht dabei nicht nur um den Sex an sich, sondern um die Menschen, die ihre Verlorenheit für einen Augenblick vergessen möchten. Diese sinnlichen Momente sind die kleinen Lichtblicke in dem sonst düsteren, zermürbenden Alltag.

Aufgrund des anregenden Klappentextes griff ich ursprünglich zu dem Roman. In einem Punkt muss ich diesem jedoch widersprechen. Dort wurde der Wildhüter Mellors als „ungebildet“ beschrieben, das stimmt jedoch nicht. Gesellschaftlich steht er zwar weit unter Connie und Clifford, konnte sich aber während seiner Zeit beim Militär viel Wissen aneignen. Zudem besitzt er emotionale Intelligenz und ist auch sehr belesen.

Ich kann jedem Liebhaber der klassischen Literatur dieses tiefsinnige, einfühlsame und traurige Buch empfehlen. Die moralischen Zerwürfnisse, in denen es weder Gut noch Böse gibt, haben mich stark aufgewühlt. Einen ganz besonderen Eindruck hat der Schluss bei mir hinterlassen, denn mit diesem hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Mehr wird an dieser Stelle jedoch nicht verraten.

Wer lieber ansprechende Bilder zu diesem Thema haben möchte, dem sei geholfen. Zu David Herbert Lawrences Klassiker gibt es zahlreiche Verfilmungen. Ganz aktuell kam eine Interpretation mit Richard Madden (Game of Thrones) als Mellors und Holliday Grainger (Die Borgias) als Lady Connie heraus. Im Jahr 2006 erschien eine französische Fassung, die zahlreiche nationale Preise erhielt. Sean Bean und Joely Richardson spielten in der vierteiligen BBC-Verfilmung von 1993 das dramatische Liebespaar.

Karoline

Autor: David Herbert Lawrence
Buchtitel: Lady Chatterleys Liebhaber
Übersetzung: Aus dem Englischen von Axel Monte
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag

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