Von zwei Schwestern mit eigenem Kopf

© Foto: Suhrkamp/Insel, 2016

Das Jahr 2017 mag noch jung sein, doch wir sind bereits wieder als waschechte Weltenbummler unterwegs. Diesen Januar verschlägt es uns nach Brasilien. Das größte Land Südamerikas hält erfreulicher Weise eine bunte Palette an Buchtiteln bereit, die sämtliche literarischen Gelüste befriedigen. Dank Buchdealerin Karo fiel mir persönlich die Wahl nicht schwer: Der Roman Die vielen Talente der Schwestern Gusmão von Martha Batalha sollte es sein. Darin geht es um zwei ziemlich eigenwillige Schwestern, die im Rio de Janeiro der 1940er Jahre versuchen, ihrem beengten Familienalltag zu entfliehen.

Zu dieser Zeit ist das allerdings nicht ganz einfach, denn obwohl das Leben in der Stadt bunt und vielfältig ist, sind die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung für Frauen tendenziell begrenzt. Erfüllung sollen sie in einem Leben als liebevolle Ehefrauen und sorgende Mütter finden. Darüber hinaus reichende Talente sind weitestgehend unerwünscht. Die Schwestern Eurídice und Guida sind jedoch zu attraktiv, intelligent und selbstbestimmt, um sich mit derlei einschränkenden Vorstellungen zufrieden zu geben. Die wissbegierige Euridice sucht ihr Glück in intellektuellen Herausforderungen, während die schöne Guida ihren Charme einsetzt, um an Wohlstand zu gelangen. Allen Rückschlägen zum Trotz verfolgen beide Frauen beharrlich ihr Ziel und pfeifen dabei auf sämtliche Konventionen der Zeit. Da wird schon mal übermäßig aufwändig gekocht, fürs ganze Viertel genäht, angelegentlich gelesen (!) oder kurzerhand mit dem Sohn reicher Eltern durchgebrannt …

Rein optisch hatte das Buch sofort einen Stein bei mir im Brett, denn das Cover ist meiner Meinung nach sehr ansprechend, nicht zuletzt in typografischer und haptischer Hinsicht. Geärgert hat mich allerdings die miese Qualität der Broschur, deren Umschlag bereits nach einmaligem, vorsichtigem Lesen merklich leidet. Gerade weil ich in Bezug auf den Inhalt durchaus mit gesellschaftskritischen Anflügen gerechnet hatte, überraschte mich der leichte, humoristische Ton der Geschichte dann doch. Der nicht mal 250 Seiten starke Roman hat mich mit seiner Ironie und seinem Sarkasmus so häufig zum Lachen gebracht, wie schon lange kein Buch mehr. Die zwei Protagonistinnen Eurídice und Guida sind zwar alles andere als perfekt, doch die Autorin macht sich nicht über ihre Ambitionen lustig, verurteilt sie auch nie, sondern lässt den Leser selbst entscheiden, was er von ihnen halten soll.

Nebenbei entführt Martha Bartalha ins Leben diverser Nebencharaktere, sobald sie einen nennenswerten Einfluss auf die beiden Schwestern haben. Vor allem sind es die Männer, welche Eurídice′ und Guidas Pfade kreuzen, deren Schwächen und Fehlentscheidungen in häufig bitterbösen Wendungen auf die Schippe genommen werden. Etliche der intelligenten Satzkonstruktionen haben mich regelrecht begeistert, sodass ich sie unbedingt einer willigen Zuhörerin laut vorlesen musste. Der Humor ist mitunter tiefschwarz, an Zynismus grenzend, geradezu knochentrocken, sodass ich teilweise meinte, einen britischen Roman vor der Nase zu haben. Schräge Todesfälle gibt es hier jedenfalls so einige – wobei der Leser die wenigsten kommen sieht.

Trotzdem ist das Buch unglaublich lebensbejahend und optimistisch, wodurch Die vielen Talente der Schwestern Gusmão eine Zugkraft entwickelt, der man sich von der ersten Seite an gern überlässt. Schwungvoll erzählt die Autorin von zwei mutigen, sturen Frauen und erlaubt uns einen tiefen Einblick in deren wendungsreiche Leben. Der Handlungsort Rio de Janeiro bildet hierbei einen unaufdringlichen Hintergrund für das Geschehen und lässt nur selten ein Gefühl der Exotik aufkommen. Das flotte Erzähltempo macht es einem leicht, sich auf die Erlebnisse der Schwestern einzulassen. Einmal begonnen, legt man das Buch sicher nicht mehr aus der Hand. Am Ende ist es die hoffnungsvolle Einstellung der Hauptfiguren, die einem im Gedächtnis bleibt und an der man sich gern ein Beispiel nehmen würde.

Katrin

Autorin: Martha Batalha
Buchtitel: Die vielen Talente der Schwestern Gusmão
Übersetzung: aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marianne Gareis
Verlag: Insel Verlag Berlin

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5 Gedanken zu “Von zwei Schwestern mit eigenem Kopf

    • Katrin schreibt:

      Das freut mich sehr! Ich fand, das war wirklich mal wieder etwas anderes. Die Autorin lockt einen so schön unmerklich auf Nebenpfade. Obwohl ich im Übrigen den deutschen Titel nicht so ganz passend finde. Im Grunde empfinde ich tendenziell Eurídice als Hauptfigur. Im Original ist das tatsächlich auch etwas anders gelöst. Davon abgesehen bin ich aber echt froh, dass Karo mir das Buch zum Lesen und Rezensieren überlassen hat. War eine sehr gute Wahl!

  1. wortgerinnsel schreibt:

    Macht mich neugierig. Ich hab das Gefühl, im Moment hab ich nur die Wahl zwischen viel Blut und noch mehr Blut. Anders gesagt, gelingt es mir nicht mehr so gut, die Perlen aus dem Sumpf zu fischen, die es ja zweifellos auch in großer Zahl gibt. In den Buchblogs wird gefühlt auch nur Fantasy vorgestellt. Danke für diesen Tipp, das könnte was sein 😊

  2. Katrin schreibt:

    Das geht mir häufig genauso. Allerdings scheitere ich eher an all den Liebesgeschichten. „Normale“ Belletristik ohne Schnulz scheint es kaum zu geben. Und wenn doch, sind diese Romane oft … kryptisch oder total vergessen abgedreht.

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