Alle heißen sie Maria

Die drei Marias Cover

© Foto: Bettina, 2017

Bei der Auswahl eines neuen Weltenbummler-Landes habe auch ich meine Stimme für Brasilien abgegeben. Ohne mich daran zu erinnern, dass es 2013 bereits zum wiederholten Male Gastland der Frankfurter Buchmesse war, machte ich mich auf die Suche nach Lesestoff. Diesem wundervollen Auftritt auf der Messe ist es aber geschuldet, dass der Wagenbach Verlag zur selben Zeit ein ganzes Set an brasilianischen Romanen neu- oder wiederverlegt hat. Kaum hatte ich mich daran gemacht die Bücher näher zu betrachten, als meine Entscheidung auch schon getroffen war: Die drei Marias von Rachel de Queiroz köderte mich vom Fleck weg.

Gleich zu Beginn begleitet der Leser Maria Augusta an ihrem ersten Tag als neue Schülerin einer Klosterschule im Norden Brasiliens in den 1930er Jahren. Diese angsteinflößende Erfahrung übersteht sie nur, da sie sich mit Maria Jose und Maria Gloria anfreundet. Als eingeschworene Gruppe sind sie schon bald als die titelgebenden drei Marias bekannt. Sie teilen alles miteinander: die erste Verliebtheit, die Angst vor den Schulprüfungen, das nicht ganz einfache Leben ihrer Familien und eine gewisse Sehnsucht nach der Welt. Diese abgeschottete Zeit im Leben der Marias strahlt eine kindliche Neugier und junge Unschuld aus, die beim Lesen fast nostalgisch stimmt. Rachel de Queiroz Geschichte klingt hier für mich noch erwartungsvoll und voller Verheißung. Doch immer wieder erschüttern die erbarmungslosen Moralvorstellungen der Zeit den Schulalltag und der strenge Katholizismus schränkt das Leben ein. Uneheliche Kinder werden mit Misstrauen betrachtet, ganz zu schweigen von Schülerinnen, die es wagen sich mit einem jungen Mann zu treffen.

Die Marias bleiben natürlich nicht ewig Schülerinnen. Sie treten als junge Frauen hinaus in die Welt, um zu erkunden was ihnen bis dahin verschlossen blieb. Eine wird heiraten, eine andere sich dem Glauben hingeben und die letzte ihren Platz nicht so recht finden. Sie wünscht sich Liebe, erntet jedoch nur die Lust eines verheirateten Malers. Sie liebt tatsächlich, muss dann aber den Liebsten aufgeben und die Konsequenzen erdulden. Melancholie durchdringt die Geschichte mehr und mehr, Traurigkeit wird von Enttäuschung begleitet.

Die Figuren von Rachel de Queiroz sind zwar einzigartig und sympatisch, doch sie konnten meine Emotionen nicht an sich binden. Die Stimmungen wurden mehr in ihrem Zusammenspiel, mit ihren Ideen und Umgebungen erzeugt, als dass ich durch die Personen hindurch etwas fühlte. Das kam dem Buch am Anfang gelegen, machte mich später allerdings dem Schicksal der Marias gegenüber gleichgültiger. Trotzdem ist bemerkenswert, wie kunstvoll die Atmosphäre in der Schulzeit dargestellt wird. Die Gefühlslandschaft der Kinder ist zuerst vielschichtig und facettenreich, nur um dann Seite um Seite abzustumpfen und matter zu werden. Vielleicht liegt das auch an der Erzählerin, denn das ganze Werk wird in einem Gedankenstrom aus der Perspektive von Maria Augusta erzählt. Die versinkt im Laufe der Geschehnisse zunehmend in eine depressive Perspektivlosigkeit, die sich im Text widerspiegelt.

Schreiben kann die Autorin ihre Geschichte dagegen ganz wunderbar. Geschickt bindet sie Dialoge auch als indirekte Rede in ihre Texte ein und lässt den ein oder anderen zitierwürdigen Satz fallen. Zum ersten Mal seit langem aber ist mir aufgefallen, wie beeindruckend es ist wenn eine aufgewühlte, ängstliche Textstelle sich grundlegend anders liest, als eine träumerische Szene, wenn sich nicht nur die Wortwahl sondern zum Beispiel auch der ganze Satzbau des Autors ändert. Das würde ich mir ebenfalls bei so manch anderem Buch wünschen und ziehe den Hut vor Rachel de Queiroz.

Bettina

Autorin: Rachel de Queiroz
Buchtitel: Die drei Marias
Übersetzung: aus dem brasilianischen Portugiesisch von Ingrid Führer
Verlag: Wagenbach Verlag

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