Der Aufstand von Carandiru

© Foto: Markus, 2016

Beim Stöbern auf Netflix entdeckte ich ein brasilianisches Gefängnisdrama, das einen Aufstand im damals größten südamerikanischen Gefängnis Casa de Detenção de São Paul (kurz: Carandiru) schildert. Es basiert auf dem Buch Estação Carandiru des brasilianischen Arztes Rauzio Varella, der von 1989 bis 2001 in Carandiru gearbeitet und seine Eindrücke aufgeschrieben hat. Da ich vorher nur wenig von dem Ereignis in São Paulo wusste, wagte ich mich an das Werk heran und bekam einen beklemmenden Film zu sehen.

1989 kommt der Arzt Rauzio Varella in die berühmte Haftanstalt, um die Gefangenen auf Krankheiten wie Tuberkulose und AIDS zu untersuchen. Dabei stößt er auf erschreckende Haftbedingungen. In dem Gefängnis, das für 4.000 Insassen ausgelegt ist, leben zeitweise bis zu 7.000 Gefangene. Gewalt und chaotische Zustände bestimmen das Tagesgeschehen. So kommt Varella auch mehrmals ins Zweifeln, ob er überhaupt dort bleiben soll. Jedoch lernt er nach und nach die Bewohner und ihre Geschichten genauer kennen und baut so eine Verbindung zu ihnen auf.

Viele dieser Männer hätten ihren Opfern keine Gnade gezeigt, aber die Gesellschaft hat ihre Richter. Und ich gehöre nicht dazu.

Somit entscheidet er sich weiterhin am Alltag der Gefangenen teilzunehmen, bis es am 2. Oktober 1992 zum blutigen Ereignis kommt.

Der größte Teil des Filmes wird aus der Sicht des Arztes erzählt, mit dem der Zuschauer gemeinsam mehr über die Hintergründe der Gefangenen erfährt. Durch die einzelnen Geschichten der Insassen schafft es der Film, uns zum einen die Figuren näherzubringen und zum anderen einen realitätsnahen Einblick in das brasilianische Leben über die Gefängnismauern hinaus zu geben. Dabei sind sie gleichzeitig traurig, humorvoll und erschreckend. Im Gegensatz zu anderen bekannteren Gefängnisfilmen gibt es hier allerdings stellenweise einen sehr skurrilen Unterton. Während man über einige Insassen sehr viel erfährt, wird der Doktor allerdings so gut wie gar nicht näher beleuchtet. Er dient nur als Mittler zwischen den Gefangenen und dem Zuschauer.

Wenn die Handlung auf das eigentliche Ereignis im Oktober 1992 zusteuert, ist von dem stellenweise lockeren Ton nichts mehr zu spüren. In diesen letzten 30 Minuten erhält der Film auch einen erzählerischen Bruch, in dem die Geschichte nicht mehr aus der Perspektive des Arztes, sondern aus Sicht der Insassen erzählt wird. Für diejenigen wie mich, die mit diesem Ereignis nur wenig vertraut sind, möchte ich an dieser Stelle auch nicht zu viel verraten. Nur kam für mich die Herleitung etwas zu knapp und zu abrupt. Da hätte ich mir noch einige zusätzliche Erläuterungen gewünscht, wie es überhaupt zu dem Aufstand kommen konnte.

Carandiru verarbeitet ein für uns eher unbekanntes historisches Ereignis der brasilianischen Gegenwart auf spannende, humorvolle und gleichzeitig erschreckende Art und Weise. Durch die Hintergrundgeschichten der Gefangenen werden die persönlichen Einzelschicksale sehr gut mit dem Aufstand verbunden, sodass der Zuschauer eine emotionale Verbindung zu den Insassen aufbauen kann. Dadurch wird Carandiru zu einem authentischen Gefängnisfilm, der am Ende noch lange nachwirkt. Allerdings muss man sich darauf einstellen, dass es den Film nur in portugiesischer Sprache mit deutschen Untertiteln gibt. Dies trägt meiner Meinung nach aber umso mehr zur Atmosphäre und Authentizität bei.

Markus

Regisseur: Hector Babenco
Filmtitel: Carandiru
Erscheinungsjahr: 2003

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