Drama, Baby, Drama

© Foto: Karoline, 2017

Für den aktuellen Ländermonat hatte ich leider keinen Nobelpreisträger in meiner Bibliothek. Daher sollte es für mich diesmal leichtere Kost sein. Mir fiel aufgrund des wunderbar ästhetischen Covers Blaue Blumen von Carola Saavedra auf. Als ich las, dass es beim renommierten C.H. Beck Verlag im Programm ist, war meine Entscheidung schnell gefallen. Leicht verunsichert war ich allerdings von den zwiespältigen Rezensionen, die ich über dieses Buch gelesen hatte. Doch ich wollte mir meine eigene Meinung bilden. Der Klappentext ließ jedenfalls auf gute Literatur hoffen.

Der Roman teilt sich in zwei Ich-Perspektiven. Da ist auf der einen Seite eine unbekannte Frau, die ihren Trennungsschmerz in Briefen verarbeitet und diese in den Briefkasten ihres Verflossenen steckt. Doch der wohnt dort nicht mehr und so erhält der Nachmieter Marcos ihre Schriftstücke. Anfangs hat er noch Bedenken fremder Leute Briefe zu öffnen, aber es steht kein Absender auf der Nachricht und daher beginnt er zu lesen. Immer mehr wird er von den melancholischen Schreiben dieser fremden Frau, die lediglich mit dem Buchstaben „A“ unterschreibt, gefangen genommen. Wird er den Mut haben und nach ihr suchen?

Im Roman erfährt der Leser lediglich die Dinge über „A“, die Marcos den Briefen entnehmen kann. Die Unbekannte packt ihren ganzen Trennungsschmerz und ihre Sehnsucht in ihre Schreiben, dadurch sind sie sehr melancholisch und redundant. Die blumigen Formulierungen sind mit zahlreichen Metaphern und Symbolen gespickt, sodass jeder Deutschlehrer seine Freude daran hätte. Die Schreiberin betont, dass sie nicht um den heißen Brei herumreden möchte und tut es dennoch ständig. Sie verliert den Faden und ergießt sich stellenweise in Selbstmitleid, bis hin zur absoluten Erniedrigung. So betrachtet sich „A“ selbst im Spiegel, sieht die ganzen blauen Flecken, die vom Zusammenleben mit ihrem Exfreund stammen und findet sich wunderschön und zerbrechlich. Auch möchte sie ihn gern zurückhaben, obwohl er mir wie ein brutaler, egoistischer Wüstling vorkommt, der sie nur ausgenutzt und klein gehalten hat. Kurzum: ich war von der masochistischen Neigung der anonymen Verfasserin mittelschwer genervt.

Allein die Passagen, in denen der Leser etwas über Marcos und seine Gedanken erfährt, reißen das Ruder etwas herum. Er ist frisch geschieden und erkennt die herablassende Art seiner Exfrau bereits in seiner dreijährigen Tochter wieder. Alle Frauen, die er kennt, scheinen eine dominante Ader zu haben. Gerade deshalb ist er von der Verletzlichkeit und Entblößung der Fremden so angetan. Marcos fühlt die gleiche Einsamkeit, bleibt jedoch dabei realistischer. Statt schwülstige Briefe zu schreiben, läuft er einfach ziellos durch die Stadt. Der Schreibstil seiner Romanabschnitte ist deshalb wesentlich rationaler gehalten und bildet einen wohltuenden Ausgleich zu den ausschweifenden Briefen. Auffällig ist außerdem, dass es sehr wenig Dialoge gibt und der Großteil des gerade mal 223 Seiten langen Buches das Innenleben der Protagonisten betrachtet.

Endlich, als das Buch sich dem Ende neigte und es spannend zu werden schien, wurde ich vom jähen Ende überrascht. Dass es dann doch so offen sein würde, hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen. Die genaue Bedeutung des Ganzen erschließt sich mir leider nicht, das kann allerdings auch an meiner wenig ausgeprägten philosophischen Ader liegen. Über den Sinn des Titels habe ich mir ebenfalls den Kopf zerbrochen, bis Katrin die naheliegende Vermutung äußerte, dass blaue Blumen auch blaue Flecken sein könnten. Klingt logisch, kann aber genausogut ganz anders sein … Daher hinterlässt das Buch einen eher fragwürdigen Eindruck bei mir. Mir stellt sich die Frage, ob die Brutalität in der Liebe dem heißblütigen brasilianischen Blut geschuldet ist oder ob die Autorin lediglich besonders dick aufgetragen hat.

Während des Lesens konnte ich mir Blaue Blumen wunderbar als kunstvoll gestalteten Liebesfilm vorstellen. Leider hat mich als Rationalist das Medium Buch nicht wirklich überzeugt.

Karoline

Autorin: Carola Saavedra
Buchtitel: Blaue Blumen
Übersetzung: aus dem Portugiesischen von Maria Hummitzsch
Verlag: C.H.Beck

Advertisements

Ein Gedanke zu “Drama, Baby, Drama

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s