Zwölf Momentaufnahmen brasilianischer Weiblichkeit

© Foto: Georgia, 2016

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Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzt Mal eine Kurzgeschichte gelesen habe. Für unseren Brasilien-Monat hat es sich angeboten, dass ich mir diese Erzählform endlich wieder zu Gemüte führe. In Wenn der Hahn kräht befinden sich ausschließlich Geschichten von Autorinnen, wodurch es mir zusätzlich unter den Nägeln brannte das Buch zu lesen. Bereut habe ich es nicht. Obwohl die zwölf Erzählungen ein Auf und Ab meines Interesses verursachten, wurde ich unterm Strich gut unterhalten und habe über die verarbeiteten Themen noch im Nachhinein nachgedacht.

Jede der Kurzgeschichten ist in den letzten Jahrzehnten entstanden und stammt von einer anderen Autorin, so dass der Leser eine bunte Mischung zur Auswahl hat. Auch die Länge der Geschichten schwankt stark, zwischen vier und 30 Seiten. Einzige Gemeinsamkeit ist, dass die Protagonisten weiblich sind. Es finden sich einzelne Parallelen zwischen den verschiedenen Inhalten, aber im Großen und Ganzen wird ein vielfältiges Spektrum hinsichtlich des Geschehens geboten.

So trifft man auf eine Putzfrau, die ihre Lebensgeschichte aufpeppt, um an die Million zu gelangen. Darauf folgt die Erzählung einer Zwölfjährigen, die vom Hausmädchen Liebesbriefe diktiert bekommt, die sie als zu pragmatisch empfindet. Prompt entschließt sie sich zu improvisieren. Eine ehemalige Revolutionärin und Staatsfeindin blickt währenddessen auf ihr Leben und getroffene Entscheidungen zurück. Sie schließt nach langen Jahren mit dem Verlust ihrer großen Liebe ab, um weiter nach vorn blicken zu können. Weiterhin erhält man Einblick in die Beweggründe einer jungen Frau, die oben ohne aus dem Dachfenster einer Limousine hängt und auf der Schnellstraße unterwegs ist. Auch taucht man in die Gedankenwelt einer Fußpflegerin ein, welche absichtlich mit nicht sterilisierten Scheren arbeitet und nach und nach ihre Kunden infiziert. Geheimnisvoll geht es bei einer Schneiderin zu, deren Erzählungen über ihren Ehemann für weiche Knie bei den Kundinnen sorgen. Schließlich halten diese es nicht mehr aus und machen sich auf die Suche nach dem männlichen Prachtexemplar. Diese sechs Geschichten haben mir besonders gut gefallen. Die andere Hälfte ist auch lesenswert, war für mich aber teils nicht spannend genug und hinsichtlich der Reaktionen der Charaktere teils zu verkorkst. Aber ich kann nachvollziehen, wenn Zweiteres seinen ganz eigenen Reiz für andere Leser bietet.

Wie ich wieder feststellen durfte, ist das Schöne an Kurzgeschichten, dass der Leser in das Geschehen hineingestoßen wird, eine Momentaufnahme (die wenige Minuten oder mehrere Tage lang sein kann) miterlebt und ebenso prompt aus den Ereignissen verschwindet. Dadurch bekommt man viel Freiraum für eigene Gedanken und Ideen geboten. Auf der anderen Seite fand ich einzelne Handlungen so konfus, dass ich recht verwirrt zurückgelassen wurde. Nichtsdestotrotz habe ich mit Wenn der Hahn kräht einen interessanten und abwechslungsreichen Nachmittag verbracht und kann das Buch guten Gewissens weiterempfehlen, vor allem wenn ihr Lust auf was Kleines für Zwischendurch und eine Breitseite Weiblichkeit habt.

Georgia

Herausgeber: Luísa C. Hölzl, Wanda Jakob
Autorinnen: Beatriz Bracher, Augusta Faro, Andréa del Fuego, Livia Garcia-Roza, Cecilia Giannetti, Claudia Lage, Ivana Arruda Leite, Tatiana Salem Levy, Ana Paula Maia, Tércia Montenegro, Cíntia Moscovich, Paula Taitelbaum
Buchtitel: Wenn der Hahn kräht – Zwölf hellwache Geschichten aus Brasilien
Übersetzer: Barbara Bichler, Marianne Gareis, Renate Heß, Maria Hummitzsch, Wanda Jakob, Karin v. Schweder-Schreiner, Claudia Stein
Verlag: editionfünf

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