Anarchie in der Stadt Gottes

© Foto: Karoline, 2017

Bei meiner Recherche zu brasilianischen Filmen stieß ich immer und immer wieder auf den Titel City of God. Als ich las, dass er auf dem Roman Die Stadt Gottes von Paulo Lins basiert und auf wahren Begebenheiten beruht, war meine Neugier geweckt.

Der junge Buscapé wächst in den 60er Jahren im Armenviertel City of God auf, eine Siedlung die nach großen Überschwemmungen für die obdachlos gewordenen Leute als Unterkunft dienen soll. Zu Beginn gibt es weder fließend Wasser noch Strom noch befestigte Straßen. Um sich selbst und die dort lebenden Familien zu versorgen, beginnen drei Jugendliche unter dem Namen Wild Angels Überfälle zu begehen. Inspiriert werden sie dabei vom achtjährigen, bereits skrupellosen Bruder Löckchen, der einige Jahre später der größte Drogenboss des Viertels werden soll. Während Buscapé versucht nicht wie sein Bruder, einer der drei Wild Angels, auf die schiefe Bahn zu geraten, sieht der Zuschauer wie es gleichzeitig mit dem ganzen Viertel bergab geht. Die Spirale der Gewalt, die bei den drei relativ harmlosen Kleinkriminellen begonnen hat, schaukelt sich hoch zu einem Drogenkrieg, dem die Bandenmitglieder reihenweise zum Opfer fallen und bei dem sogar kleine Kinder rekrutiert werden, um die Interessen durchzusetzen.

City of God ist brutal, ständig fliegen nur so die Kugeln, die Leute sinken in Scharen in die Knie und brechen tödlich verwundet zusammen. Doch genau so stelle ich mir auch das Leben unter diesen Bedingungen vor. Die rohen, verstörenden Szenen werden hierbei nicht aus Berechnung eingesetzt, um Publikum anzuziehen, vielmehr werden einfach die herrschenden Verhältnisse gezeigt. Mit kleinen Kapitelüberschriften werden verschiedene Schicksale aufgegriffen und in die Gesamthandlung eingebaut. Dabei wird die Geschichte immer aus Buscapés Sicht mit seiner Stimme aus dem Off geschildert. Die deutsche Synchronisation ist hier übrigens von Xavier Naidoo. Alles greift ineinander. Die ausgezeichnete wie energiegeladene Filmmusik sowie die ungewöhnliche Kameraführung und Schnitttechnik machen den Film nicht nur inhaltlich zu einem Highlight. Durch einen Filter wirkt die ganze Szenerie immer staubig und runtergekommen. Die jungen wie erwachsenen Darsteller sind deshalb so überzeugend, weil es Laien aus den Elendsvierteln Rio de Janeiros sind, die eigens für diesen Film geschult wurden. Er wurde für vier Oscars nominiert, ging aber leider leer aus. Ich hätte ihm einen Oscar sehr gegönnt.

Zu Beginn des Films hatte ich meine Bedenken, ob mir die Gewaltdarstellungen nicht zu verherrlichend und ausgewalzt sein würde. Sie wurden innerhalb kürzester Zeit ausgeräumt, denn City of God lässt sich nicht auf diese Attribute beschränken. Er gibt glaubhaft einen historisch belegten Drogenkrieg wieder, ohne zu beschönigen. Gerne hätte ich mir ergänzend Die Stadt Gottes von Paulo Lins mit seinen 40 Kurzgeschichten durchgelesen, doch dieses Buch gibt es leider nur noch antiquarisch.

Damit ist unser Weltenbummler-Monat zu Brasilien auch schon vorbei. Wir haben mit euch das Leben zweier eigensinniger Schwestern verfolgt, einen Trunkenbold als Geist und einen feiernden Toten begleitet, die drei Marias kennengelernt und ein Jahr im Leben eines kleinen Jungen erlebt. Unsere Meinung über das brasilianische Frauenbild wurde erschüttert, aber auch rehabilitiert. Carandiru und die City of God sind für uns keine unbekannten Orte mehr. Wir hoffen, ihr hattet genau so viel Spaß bei den Abenteuern wie wir. Im Mai wird es uns beim nächsten Weltenbummler-Monat in den wunderschönen Inselstaat Neuseeland verschlagen. Seid wieder mit an Bord!

Karoline

Regisseur: Fernando Meirelles und Kátia Lund
Filmtitel: City of God
Erscheinungsjahr: 2002

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2 Gedanken zu “Anarchie in der Stadt Gottes

  1. Melanie schreibt:

    Huhu Karo,
    „City of God“ ist wirklich ein sehr guter und eindringlicher Film. Leider habe ich ihn bisher nur einmal gesehen und das ist auch schon sehr lange her, aber einzelne Szenen sind mir noch gut im Gedächtnis geblieben.
    Liebe Gruesse, Melli

    • Karoline schreibt:

      Huhu Melli,
      hast du dir den zweiten Teil mal angeguckt? Den gibt’s bei Netflix, aber ich hab mich noch nicht rangetraut… Hab die Befürchtung, dass ich enttäuscht sein könnte…
      Herzliche Grüße, Karo

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