Möge sein nächster Gichtanfall ein schwerer sein!

© Foto: Karoline, 2016

In meinem Bücherregal steht neben den allseits bekannten Werken Jane Austens auch ihr weniger bekannter Briefroman namens Lady Susan. Als Georgia mich ins Kino einlud, entdeckten wir mit Love & Friendship nun eine Verfilmung eben dieses Stoffes im Programm. Da wir zwei immer für eine gute Jane-Austen-Geschichte zu haben sind, machten wir uns erwartungsvoll auf den Weg ins Kino.

Lady Susan Vernon (Kate Beckingsale) hat alles: Schönheit, Intelligenz und beträchtliche Talente. Doch einen Mann hat sie nicht mehr – und mit dessen Tod ist trauriger Weise jegliche Geldquelle versiegt. Als schließlich infame Verleumdungen über ihre Affäre mit einem göttlichen, doch leider verheirateten Lord die Runde machen, zieht sich die Witwe notgedrungen zu ihren angeheirateten Verwandten zurück. Auf deren abgelegenem Landsitz angekommen, macht Lady Susan sich daher prompt daran, mit Hilfe ihrer intriganten Freundin weitreichende Pläne für künftige Unabhängigkeit zu schmieden.

Objekt ihrer Begierde ist Reginald DeCourcy (Xavier Samuel), der adrette jüngere Bruder ihrer Schwägerin. Lady Susans Aktivitäten geraten jedoch völlig durcheinander, als unerwartet ihre hübsche, schüchterne Tochter Frederica (Morfydd Clark) auf dem Anwesen auftaucht. Dabei sollte diese doch den überaus reichen, überaus schlichten Sir James Martin (Tom Bennett) heiraten, um aus dem Weg zu sein. Allerdings hat die nicht ganz so liebende Mutter die Rechnung ohne den Starrsinn ihrer Tochter gemacht, welche sich mit Händen und Füßen gegen das Vorhaben sträubt. Urplötzlich muss Lady Susan all ihren Scharfsinn aufbieten, um sämtliche Parteien erfolgreich gegeneinander auszuspielen und sich gleichzeitig die Zuneigung des misstrauisch gewordenen Reginald zu erhalten …

Wie beglückt war ich, dass diese Verfilmung den ironisch-sarkastischen Ton der literarischen Vorlage perfekt einfängt. Vor allem haben die Macher mit ihren köstlich überspitzten Charakteren sogar noch eins draufgelegt. So wird glasklar, mit welch scharfem, kritischen Blick Jane Austen die gesellschaftlichen Zwänge und speziell die finanzielle Abhängigkeit der Frauen im England des 18. Jahrhunderts beobachtet hat. Lady Susan strebt im Grunde lediglich nach Sicherheit, Abwechslung und etwas Freude am Leben. Sich ihrer Reize und Intelligenz gleichermaßen bewusst, wirft sie beides in die Waagschale, um diese Ziele zu erreichen. Vielleicht mögen ihre Ansichten moralisch fragwürdig sein, doch sie lässt sich niemals gängeln. Zumindest ihrer Freundin Alicia (Chloë Sevigny) gegenüber beweist sie absolute Loyalität – sowie ausgeprägten Eigennutz. Ehrlich mitfühlend beklagt sie deren Einschränkungen durch den lästigen, bei Bedarf gichtkranken Ehemann Mr. Johnson (Stephen Fry):

„Was für ein Fehler es war, ihn zu heiraten! Zu alt, um lenkbar zu sein und zum Sterben zu jung …“

Lady Susan in Love & Friendship, 2016

Derartige Lebensweisheiten springen dem Zuschauer aus jeder Szene förmlich ins Gesicht und sorgen für boshafte Lacher – meist auf Kosten der Männer. Diese kommen im Vergleich zu ihren cleveren Damen nicht besonders gut weg. Häufig dienen sie als Stichwortgeber für die manipulativ agierenden Frauen und scheinen nur den Zweck zu erfüllen, deren mehr oder weniger subtil geäußerte Wünsche eilfertig zu erfüllen. Wer hier die Hosen anhat, wird den opulenten Kleidern zum Trotz schnell offensichtlich.

Dank seiner schönen Kostüme und Ausstattung verfügt der Film über eine bemerkenswerte Ästhetik und ist zudem schlichtweg genial besetzt. Die Handlung ist komplex genug, um keine Langeweile aufkommen zu lassen und mithilfe häufiger Szenenwechsel temporeich inszeniert. Die Dialoge sind zum Schreien bissig, die Figuren werden mit all ihren charakterlichen Mängeln der Absurdität preis gegeben und die musikalische Untermalung setzt herrlich dramatische Akzente, die oft zum Lachen verleiten.

Ladys Susans manipulative Fähigkeiten und Wortgewandtheit, ihr Durchsetzungsvermögen, die betont zur Schau gestellten Manieren sowie ihr Sinn für gut platzierte Heuchelei sind schlichtweg bewundernswert. Als Dreh- und Angelpunkt des Films hält sie zu jeder Zeit alle Bälle in der Luft. Echte Sympathie für die egozentrische Dame aufzubringen ist jedoch nicht einfach, denn diese Anti-Heldin macht ihre eigenen Interessen stets zur obersten Richtschnur. Oder um hier mal Georgia zu zitieren, die mir während des Films wirklich aus der Seele sprach: „Ich schwanke zwischen Hass und Ehrfucht.“

Am Ende haben wir uns ganz überraschend köstlich unterhalten gefühlt, denn dank der scharfzüngigen Wortduelle vergingen die anderthalb Stunden Spielzeit wie im Fluge. Um Love & Friendship gebührend genießen zu können, sollte man aber sicherlich grundsätzlich etwas für Kostümfilme übrig haben. Liebhaber hintergründigen Humors und zugespitzter Dialoge zwischen den Geschlechtern kommen sowieso auf ihre Kosten. Der Zuschauer muss lediglich dazu bereit sein, voller Schadenfreude über die Fehler und Charakterschwächen anderer zu lachen. Wahrhaft ein Kinderspiel!

Katrin

Regisseur: Whit Stillman
Filmtitel: Love & Friendship
Erscheinungsjahr: 2016

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