Nobelpreisträger wider Willen

© Foto: Karoline, 2017

Schon auf der Buchmesse in Frankfurt lachte mir dieses schlichte Cover mit dem frechen Vogel einfach entgegen. Als ich dann las, dass Unter Professoren an alle promovierenden Niederländer als Warnhinweis verschenkt wird und über beißenden Humor verfügt, war mein Interesse vollends geweckt!

Roef Dingelam, Professor der Chemie, arbeitet an der Universität von Groningen. Tagtäglich muss er sich mit Papierkram rumärgern, anstatt wie früher einfach nur ordentlich zu forschen. An allem ist diese Demokratisierung schuld! Sein Laborleiter, der dumme Professor Tamstra, macht ihm das Leben zusätzlich schwer. Klaut der ihm doch einfach sein Büro! Und dann noch diese Studenten! Einer sieht wie der andere aus, tagein tagaus stellen sie die gleichen beschränkten Fragen, und wer kann sich schon bitte all diese Namen merken?

„Ich mag Studenten nicht“, sagte Roef, „ich kann sie nicht mehr sehen. […] All diese Stipendien und Preise“, sagte er, „bist du wirklich so naiv, anzunehmen, die bekämen begabte Studenten? Was ist ein begabter Student überhaupt? Ein begabter Arschkriecher, wenn du mich fragst.“

Willem Frederik Hermans, Unter Professoren, S. 31

Plötzlich bekommt er auch noch den Nobelpreis für Chemie verliehen. Als ob er so nicht schon durch seine außergewöhnliche Intelligenz aus der grauen Masse hervorstechen würde. Nun ist er erst recht als Fachidiot und Intelligenz-Freak verschrien. Während er mit seiner Frau Gré noch überlegt was sie mit dem vielen Preisgeld anfangen können (denn leider reicht es nicht für eine Berentung), fangen schon Professoren und Studenten an um ihn zu kreisen wie die Fliegen um einen verdorbenen Apfel.

Welche eine wundervoll beißende Charakterisierung eines Professors! Ich habe zu Beginn des Buches bereits Tränen gelacht. Dingelam ist egozentrisch, menschenscheu, emotional unbeholfen und ein Fachidiot. Doch gerade wegen dieser kauzigen Eigenschaften habe ich ihn ins Herz geschlossen. Leider werden seine Auftritte im Verlauf des Buches zugunsten der Handlung etwas weniger. Denn auch die Studenten und Kollegen werden intensiv beleuchtet. So gerät unser Nobelpreisträger inmitten von Studentenprotesten, die so herrlich sinnlos sind, dass man nicht weiß, ob man die Protestierenden hassen oder lieben soll. Eine besonders interessante Frauengestalt ist dabei die junge Laetitia, die die einzig Vernünftige in einem Haufen voller fauler Kerle zu sein scheint und doch immer wieder nur auf ihren flachen Po reduziert wird. Der Direktor, der Kuratoriumspräsident und der Sekretär bekommen als rückgratlose Bürokraten ebenfalls ihr Fett weg. Auszüge aus dem Tagebuch eines mit Dingelam befreundeten Psychologen, der gleichzeitig diverse Professoren als Patienten hat, runden die ganze Szenerie ab.

Erst beim Nachwort wurde mir klar, wie stark Willem Frederik Hermans seinem Werk autobiografische Züge verliehen hat. Professor Dingelam ist dabei nur einfach eine überspitzte Variante seiner selbst, denn auch er hatte mit rückgratlosen Vorgesetzten und Papierkram zu kämpfen. Bis er dann einen Schlussstrich mit einer freiwilligen Entlassung zog. Wie im wahren Leben gibt es zum Ende des Buches keinen Paukenschlag, sondern einen sanften Ausklang, mit einem sehr gelungenen letzten Absatz.

Angeblich hat Hermans diesen Roman auf den Rückseiten zahlreicher Formulare geschrieben, um seinen Frust abzubauen. Die Legende besagt ebenfalls, dass seit der Veröffentlichung des Buches Formulare nur noch zweiseitig abgedruckt werden, um eine Wiederholungstat zu verhindern. Irgendwie trifft das ja – wie das Buch – genau meinen Humor!

Karoline

Autor: Willem Frederik Hermans
Buchtitel: Unter Professoren
Übersetzung: Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen und Barbara Heller
Verlag: Aufbau Verlag

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