Zu Weihnachten soll sie sterben

© Foto: Markus, 2016

© Foto: Markus, 2017

Wenn mich jemand fragen würde, was ich in Horrorfilmen und Gruselromanen am unheimlichsten finde, dann wäre meine Antwort: Kinder. Seit jeher werden sie in fiktiven Genrewerken häufig als Ursprung des Bösen und als physische Präsenz für das Übernatürliche genutzt. Auch in S.K. Tremaynes Psychothriller Stiefkind spielt ein unheimliches Kind eine nicht unbedeutende Rolle.

Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Rachel bekommt endlich das, was sie sich jahrelang erhofft hat. Kurz nach der Hochzeit zieht sie zu Ihrem Ehemann, dem reichen Anwalt David, und seinem Sohn Jamie nach Cornwall in das riesige, jedoch noch etwas renovierungsbedürftige Herrenhaus Carnhallow. Umgeben wird das Anwesen von einer beeindruckenden, zerklüfteten Felslandschaft, in der sich auch die Morvellan Mine befindet, um die sich düstere Legenden ranken. So soll Jamies Mutter hier auf tragische Weise ums Leben gekommen sein. Langsam schafft es Rachel sich dem anfangs noch verschlossenen Jungen etwas anzunähern, bis er sich auf einmal drastisch verändert und er gegenüber Rachel angibt, die Zukunft voraussagen zu können. Während sein Vater David dieses Verhalten als Unsinn abtut, fängt Rachel an, sich mit der Vergangenheit von David und seiner Familie zu beschäftigen und stößt dabei auf immer mehr Ungereimtheiten. Am meisten verunsichert sie allerdings, dass sich die Visionen von Jamie nach und nach bestätigen. Und eine steht noch aus: Rachel soll zu Weihnachten sterben.

Bei Stiefkind handelt es sich nach Eisige Schwestern um S. K. Tremaynes zweiten Psychothriller, wie es auf dem Cover groß angekündigt wird. Ich persönlich würde den Roman eher als Familiendrama bezeichnen, denn im Großteil des Buches stehen die Trauerbewältigung und das Geheimnis von David und Jamie im Vordergrund, das beide offenkundig mit sich herumschleppen. Dabei gibt es kurze Einblicke in die Familiengeschichte der Kerthens, die von einigen dunklen Geschehnissen geprägt zu sein scheint. Böse Zungen könnten sogar behaupten, dass Stiefkind wie eine düstere Version von Rosamunde Pilchers Romanen daherkommt. Tatsächlich haben die Geschichten die britische Region Cornwall, wunderbare Landschaftsbeschreibungen sowie große Familiengeheimnisse gemeinsam.

Das war es dann aber auch schon mit den Übereinstimmungen. Denn aufgrund der dichten Erzählweise des Autors war ich fast durchgehend angespannt. Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Rachel erzählt wird, erhöht sich die Intensität der im Buch beschriebenen Ereignisse. Unterbrochen werden diese überwiegenden Textpassagen von Abschnitten, die aus der Sicht von David erzählt werden. In diesem Zusammenhang hätte ich mir allerdings noch Einschübe in Jamies Gedankenwelt gewünscht. So ist die Figur für mich leider sehr blass geblieben.

Zudem sind vor allem in der ersten Hälfte einige Längen nicht zu verleugnen. Aber aufgrund des besagten Schreibstils und meiner Neugierde, was es nun mit den Visionen von Jamie und der Familiengeschichte von David auf sich hat, bin ich drangeblieben. Spätestens im letzten Drittel nimmt die Geschichte dann schließlich an Fahrt auf, wobei mir das Ende dann leider zu abrupt und aufgesetzt erschien. Trotzdem empfinde ich Stiefkind als ein gutes, atmosphärisches Familiendrama, dessen Genrezuordnung auf dem Cover und die Inhaltsangabe allerdings falsche Erwartungen beim Leser wecken und somit viele Liebhaber von Psychothrillern enttäuschen könnte. Ich persönlich bereue den Kauf des Buches nicht, bin jedoch wiederum nicht so begeistert, dass ich sofort zu seinem Erstlingswerk greifen würde. Aber nachträglich lesen werde ich das Buch vielleicht trotzdem irgendwann.

Wem ebenso wie mir Horrorgeschichten mit Kindern gefallen, dem möchte ich zum Schluss den atmosphärischen Film Orphan – Das Waisenkind empfehlen, da er dem typischen „Evil-Child-Horrorfilm“ eine interessante Perspektive hinzufügt.

Markus

Autor: S. K. Tremayne
Buchtitel: Stiefkind
Übersetzung: aus dem Englischen von Susanne Wallbaum
Verlag: Knaur Taschenbuch

 

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