Ein Blick hinter verschlossene Türen

© Foto: Karoline, 2017

Was macht eigentlich einen guten Klappentext aus? Diese Frage stelle ich mir ziemlich häufig. Mal finde ich einen sehr gelungen, manchmal total daneben, besonders wenn er Spoiler enthält. Bei dem Buch Fremde Gäste stehe ich zu Beginn der Lektüre erneut vor dieser Frage. Nach dem Lesen kann ich nur sagen: Hier hat jemand seine Arbeit richtig gut gemacht!

Als der erste Weltkrieg vorbei ist, haben Frances Wray und ihre Mutter nicht nur alle Männer der Familie verloren, sondern auch einen Haufen Schulden geerbt. Um sich finanziell über Wasser zu halten, sind sie genötigt einen Teil ihres Anwesens auf Champion Hill, einem Londoner Villenviertel, zu vermieten. Mit dem Einzug des jungen Ehepaars Barber kommt neuer Schwung in den sonst tristen Alltag der ledigen Frances, die sich ganz allein um ihre Mutter und das Haus kümmern muss. Versicherungsmann Lenny und seine Ehefrau Lilian pflegen einen so ganz anderen, bürgerlichen Lebensstil. Fasziniert freundet sich Frances mit der hübschen Lilian an. Nichtsahnend schlittert sie in eine Katastrophe, die ihre Welt ganz und gar aus den Fugen geraten lässt.

Wie kann ich nur einen Buchinhalt beschreiben und Spannung wecken, wenn ich nicht gleichzeitig spoilern will? Es fängt schon damit an, dass Fremde Gäste sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen lässt. Es ist ein historischer Roman, eine tragische Liebesgeschichte und Krimi in einem. Doch keine dieser Zuordnungen kann man ordentlich beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Diese Tatsache lässt das Buch umso mysteriöser erscheinen und verhindert eine zu genaue Vorstellung, was den Leser erwarten wird – genau wie bei einem Film, den man sieht, ohne sich vorher über die Trailer informiert zu haben. Bei mir führte es dazu, dass mich die Plot Twists vollkommen aus der Kalten erwischten. Gleich drei Mal erging es mir so. Die komplette bisherige Handlung wurde über den Haufen geworfen und machte eine 180-Grad-Wende.

Ganz gefesselt war ich von der ungewöhnlichen Liebesgeschichte. Sie ist leidenschaftlich und geschmackvoll beschrieben, aber dennoch merkt man den Hauch Skandal, der sie umwittert. Die starke Charakterisierung der Protagonisten ließ mich permanent mitleiden und mithoffen. Sie führte dazu, dass ich eine Seite nach der anderen verschlang, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was da noch alles kommen konnte. Besonders beeindruckt war ich von Frances. Sie gab einst ihre Liebe auf, um ihre Mutter nicht allein zu lassen. Nun hat sie sich mit einem öden Alltag arrangiert und kann ihren ganzen Frust nur im Hausputz ordentlich rauslassen. Sie ist eine emanzipierte Frau, die aufgrund des familiären Pflichtgefühls genötigt ist, unselbstständig zu sein. Gelegentlich entflieht sie jedoch für einige Stunden diesem Käfig und lebt ein geheimes Leben. Wieder zuhause schweigt sie oder flüchtet sich in Notlügen, um ihre Mutter nicht aufzuregen. Frances ist alles andere als perfekt, aber dennoch eine absolut beeindruckende Frau, mit der ich mich gerne mal zum Tee getroffen hätte.

Als ich Fremde Gäste in die Hand nahm, konnte ich mir noch keinerlei Reim auf den Titel machen. Wie ich jedoch relativ schnell lernte, wurden Untermieter damals als Zahlende Gäste bezeichnet, sozusagen mit einem edleren Anstrich. Nachdem ich das Buch beendet hatte, verstand ich auch endlich, wieso der Klappentext etwas nebulös gehalten war und weiß es nun sehr zu schätzen, dass mir die Wendepunkte des Buches nicht schon vorher verraten wurden.

Karoline

Autorin: Sarah Waters
Buchtitel: Fremde Gäste
Übersetzung: aus dem Englischen von Ute Leibmann
Verlag: Lübbe

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4 Gedanken zu “Ein Blick hinter verschlossene Türen

    • Karoline schreibt:

      Ja, war echt fasziniert von diesen ganzen Twists… Hab ich so noch nicht erlebt gehabt… Aber hab schon gelesen, dass es nicht dein Liebling von ihr ist. Wie ist der denn so?

      • dj7o9 schreibt:

        Fingersmith ist mein Liebling und der hat für mich noch mal mehr Wendungen und Unerwartetes. Ist auch gerade ziemlich genial verfilmt worden. Eine koreanische Produktion „The Handmaids Tale / Die Taschendiebin“. Hier ist der Trailer:

      • Karoline schreibt:

        Wow, der Trailer ist ja der Hammer! Und dann auch noch der Regisseur von Oldboy. Ich hoffe, dass ich den Tipp bei einem zukünftigen südkoreanischen Ländermonat zum besten geben kann:)

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