Lauf, Faith, Lauf!

© Foto: Ilke, 2017

Mit dem PC-Game Mirrors Edge verbindet mich eine Art Hass-Liebe: es machte mich süchtig und brachte mich gleichzeitig zur Verzweiflung. Ich war froh, als ich es beendet hatte und kam dennoch nicht umhin, es nochmal zu spielen. Als ich mich gerade wieder von dieser recht ungesunden Beziehung gelöst hatte, ließ Electronic Arts die Bombe platzen und brachte Mirrors Edge Catalyst raus. Und schon war es wieder um mich geschehen.

Naturgemäß lasse ich zunächst ein wenig Zeit verstreichen, bis ich mir ein Spiel kaufe, schließlich sind diese anfangs recht teuer. Diese Zeit hätte ich für Recherche nutzen sollen. Leider war ich so aufgeregt, dass ich diesen Schritt übersprang. Wie selbstverständlich ging ich davon aus, dass es sich bei Mirrors Edge Catalyst um einen Nachfolger vom ersten Teil handelt. Erst später – nach unzähligem Kopfschütteln aufgrund der Kontinuitätsfehler – schwante mir, dass es sich weder um ein Sequel, noch ein Prequel handeln kann. Und tatsächlich: es ist ein Reboot des 2009 erschienenen Actiongames mit einer ähnlichen, aber teilweise vom ersten Teil stark abweichenden Geschichte.

Wir schlüpfen in die Rolle von Faith Connors. In der futuristischen, hoch technisierten Stadt Glass, die von einem mächtigen Konglomerat regiert wird, ist jeder Bürger ein Teil des riesigen Unternehmens und wird auf Schritt und Tritt bewacht. Eines der führenden Unternehmen ist dabei Kruger Holding, mit Gabriel Kruger als Vorstandsvorsitzendem. Jeder Bewohner der Stadt bzw. Mitarbeiter wird an den Grid angeschlossen, ein digitales Netzwerk. Wer sich dem nicht unterwirft, gilt als Ausgestoßener und ist vogelfrei. Einige findige und schnelle Außenseiter haben sich auf den Dächern von Glass ein kleines Refugium geschaffen. Da sie Botschaften und ähnliches schnell von A nach B befördern, werden sie Runner genannt. Faith war Teil einer Runnergemeinschaft, verbrachte jedoch einige Zeit im Gefängnis. Das Spiel beginnt mit ihrer Freilassung. Schnell wird sie wieder in ihr Team aufgenommen und erledigt für ihren Anführer Noah verschiedene Aufträge. Bald schon kommt sie einem verheerenden Geheimnis des Konglomerats auf die Spur und erfährt nebenbei noch einiges über ihre Familie. Doch Kruger Sec, die Sicherheitsfirma und das Gesetz von Glass, sind ihr bereits auf den Fersen.

Mirrors Edge Catalyst wird als Actionspiel betitelt, was an sich auch stimmt, jedoch kommt es hier nicht auf Feuerkraft an, sondern auf Schnelligkeit. Faith erledigt ihre Aufträge via Parcour: sie rennt, springt, schwingt und schlittert von einem Ort zum anderen. Dies ist der Reiz des Spiels und gleichzeitig der Grund für so viel Frust. Man muss  immer zum richtigen Zeitpunkt auf die Taste hauen, damit Faith einen Wallrun hinlegt oder eine lange Distanz zur anderen Häuserkante springt. Es macht tierisch Spaß, wenn man im Flow ist und lässt einen den Bildschirm anschreien, wenn man zu spät gedrückt hat und Faith ungebremst in die Tiefe saust. Die recht lange Ladezeit gibt einem den Rest. Trotzdem kann man nicht aufhören. Im Laufe des Spiels entwickelt man einen gewissen Ehrgeiz, nicht den einfachsten Weg zu nehmen, sondern möglichst oft unter Rohren durchzuschlittern, an Wänden entlang zu rennen oder über so viele Hindernisse wie möglich zu springen. Um dabei im Flow zu bleiben ist abrollen unerlässlich. Viele Bewegungen kann Faith von Anfang an, einige müssen über einen Skilltree erst freigeschaltet werden. Über den Sinn eines Punkteverteilsystems in solch einem Spiel kann man streiten. Die Runnervision, ein roter Pfad, der den Weg weist, lässt einen nicht die Orientierung verlieren, man kann sie aber auch ausschalten.

Im Gegensatz zum ersten Teil verfügt dieser über eine offene Welt; wobei anfangs nur ein kleiner Bereich zugänglich ist. Mit Fortschreiten der Story erhält die Protagonistin mehrere Gadgets, mit der sie auch andere Teile der Stadt erkunden kann. Jeder Stadtteil hat einige Nebenquests zu bieten, seien es auf Zeit laufende Lieferaufträge, Wettrennen oder die Sammelleidenschaft befriedigen – und es gibt viel zu sammeln: elektronische Bauteile, Gridleaks, Dokumente, Aufnahmen, verborgene Taschen … Gerade die Dokumente und Aufnahmen liefern zudem noch zahlreiche Hintergrundinfos. Dem Spieler bleibt es selbst überlassen, ob er weiter der Story folgen möchte, eine Nebenquest löst oder die Stadt nach versteckten Gegenständen durchsucht. Dabei hat man auch die Gelegenheit, kurz innezuhalten und die Architektur der Stadtteile zu bewundern. Ab und zu ist man gezwungen, mit Kruger Sec Soldaten zu kämpfen, hierbei stehen einem keine Waffen zur Verfügung, lediglich die Umgebung und eigene Sprungkraft. Wer actionreiche, brutale Kämpfe erwartet wird enttäuscht sein, aber hier geht es schließlich ums Rennen, nicht ums Kämpfen. Zumeist ist man mit der Flucht besser bedient. Die Story fand ich im Vergleich zum ersten Teil nicht so berauschend und dient eher dazu, die einzelnen Runs zu verbinden.

Die Grafik ist minimalistisch gehalten und setzt auf Farbakzente. Jeder Stadtteil besitzt eine andere, charakteristische Farbgebung. Wie der Name Glass schon andeutet, bestehen die Gebäude zum Großteil aus Glas. Alles wirkt kantig und sieht dabei sehr stylisch aus, man freut sich aber auch über jeden der spärlich auftauchenden Bäume. Die atmosphärische Musik passt perfekt dazu und rundet das Spielerlebnis ab. Bevor es überhaupt losgehen kann ist man jedoch gezwungen, sich einen Origin-Account zuzulegen, was mir gar nicht gefällt. Der Onlinezwang nervte mich jedes Mal. Er hat aber auch seine Vorteile. So kann man Rennen gegen andere Spieler veranstalten und selbst Rennstrecken kreieren, man kann seinen Runnertag in verschiedenen Displays im Game hinterlassen, was dazu führt, dass andere Spieler den Tag von einem ingame sehen können.

Trotz meiner anfänglichen Enttäuschung, dass mir keine Fortsetzung präsentiert wurde, hatte ich genauso viel Spaß und Frust mit Mirrors Edge Catalyst wie zuvor und werde es sicher bald noch einmal durchsuchten.

Ilke

Entwickler: EA Dice
Titel: Mirrors Edge Catalyst
Publisher: Electronic Arts Inc.
Veröffentlicht: 2016

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