Ein Kavalier mit reizenden Grübchen auf Reisen

© Foto: Königskinder, 2017

Manchmal hängen selbst bekennende Vielleser wie ich in einer Leseflaute fest. So stapeln sich momentan zahllose Bücher auf meinem Nachttisch, die ich zu lesen begann, nur um sie lustlos wieder beiseite zu legen. Ein helles Licht am Horizont erblickte ich jedoch unversehens bei meiner Bücherfee, mit dem Abenteuer- und Liebesroman Cavaliersreise – Die Bekenntnisse eines Gentlemen von Mackenzie Lee. Ein junger Edelmann, der im 18. Jahrhundert eine irrwitzige Grand Tour durch Europa antritt und zudem mit seiner verbotenen Vorliebe für Männer zu kämpfen hat? Allein diese Prämisse sprach mich auf Anhieb an! Endlich wieder einmal enthusiastisch stürzte ich mich in ein temporeiches Lesevergnügen.

Sir Henry Montague, genannt Monty, ist ein rechter Filou. Ständig sorgt der erstgeborene Sprössling aus adligem Hause durch übermäßigen Alkoholkonsum, zahlreiche Tändeleien und Unzucht für allerlei Probleme. Dieser Eskapaden müde, droht ihm sein erzürnter Vater nunmehr endgültig mit Enterbung. Montys letzte Chance ist eine Bildungsreise nach Europa, bei der er sich keinen Fehltritt erlauben darf. Obgleich etwas beunruhigt, ist er trotzdem heilfroh, den Fesseln des Elternhauses zumindest für ein Weilchen zu entkommen. Der junge Hedonist ist nur allzu begierig, in Gesellschaft seines Jugendfreundes Percy die mannigfaltigen Freuden von Paris, Marseille, Venedig, Florenz und Rom zu erkunden. Grausamer Weise wird ihnen allerdings für die ursprünglich zwanglose Reise als Begleitung nicht nur ein disziplinierter Tutor ans Knie gebunden, sondern auch noch Montys langweilige Schwester Felicity. Die Reise nimmt, wie sollte es anders sein, einen wesentlich abenteuerlicheren Verlauf als ursprünglich geplant.

Genauso wie Monty von den kommenden Ereignissen immer wieder überrascht wird, hat auch mich der Verlauf der Geschichte mehr als einmal kalt erwischt. Bereits der Anfang, in den ihr unbedingt reinlesen solltet, wirft einen mitten ins Geschehen. Da gleich im ersten Satz festgestellt wird, dass Monty in seinen besten Freund heillos verliebt ist, hatte ich hier zunächst mit einer regelrechten Liebesgeschichte gerechnet. Mit jeder weiteren Seite treten jedoch nach und nach ganz andere Dinge zutage. Verbotene Liebe, unerwartete Wendungen und die Thematisierung von Rassismus geben der Geschichte einen besonderen Dreh. Insbesondere das Dreigestirn aus Monty, Percy und Felicity stellte sich als unerwartet spannungsgeladen heraus und sorgte in seiner Konstellation für reichlich Emotion, Dramatik und Komik. Zwar erlebt man die Geschichte aus Montys Perspektive, doch erhalten auch seine Schwester und sein Freund genügend Raum, sich als Figuren weiterzuentwickeln. Zudem sind es häufig die starken Kontraste zwischen den Charakteren, welche den Geschehnissen erst ihren Schwung verleihen. Wenn beispielsweise Monty gnadenlos die Hosen voll hat und einfach nicht in der Lage ist, sich als blinder Passagier auf einem Schiff einzuschleichen, marschiert seine ehemals schüchterne Schwester – eigentlich ein Bücherwurm vor dem Herrn! – bestimmt voran und zieht die beiden jungen Männer hinter sich her. Häufig fällt eine Entscheidung genau dann, wenn einer der drei aus irgendwelchen Gründen vorprescht und die anderen notgedrungen folgen müssen. Hierbei entwickelt sich die ursprüngliche Bidlungsreise ziemlich rasch zu einer regelrechten Queste, der Suche nach einer mysteriösen Panazee. Immer wieder herrlich zu lesen, wie die drei hierbei von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpern und dabei Wegelagerern, Piraten oder mordlüsternen Herzogen begegnen.

Was mir von Anfang bis Ende wirklich unglaubliches Vergnügen bereitet hat, war die wunderbare Sprache des Romans. Das englische Original kenne ich leider nicht, doch fühlt sich die Übersetzung wirklich grandios an. Da kann man ruhig mal ein herzliches Lob aussprechen. An vielen Stellen erfreute ich mich an schönen Wendungen und besonders glücklich gewählten Worten, die zum wiederholten Lesen einladen. Hinzu kam noch der stets gnadenlos trockene Sarkasmus des Protagonisten Monty, der den Tonfall der Geschichte maßgeblich prägt:

„Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, will mir scheinen, dass ich an jenem Tag zum ersten Mal, seit Percy und ich einander kannten, bemerkte, wie wohlgebaut er war. Zum Teufel mit derlei Rückblicken.“

Cavaliersreise, Mackenzie Lee, S. 128

Beim Umblättern der letzten Seite war ich tatsächlich etwas traurig, dass diese Geschichte bereits zu Ende war, denn sie hat mich mit Elan aus meiner Lese-Lethargie gerissen. Mit der Cavaliersreise hat der Königskinder Verlag auf jeden Fall einen Roman im Programm, der mich rundum begeistert hat. Geschichte, Charaktere und Schreibstil treten für mich bunt und schillernd aus dem faden Allerlei anderer Bücher hervor, sodass ich euch diese abgedrehte Odyssee wärmstens ans Herz legen möchte.

Katrin

Autorin: Mackenzi Lee
Buchtitel: Cavaliersreise – Die Bekenntnisse eines Gentlemen
Übersetzung: aus dem Englischen von Gesine Schröder
Verlag: Königskinder Verlag

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