Ich fliege, ich brenne, ich singe. Wer bin ich?

Firebird Cover

© Cover: Tor Books, 2008

Eine der schönsten Augenblicke des Lesens ist der Moment, in dem wir ganz zwischen den Seiten in der Welt eines Buches versinken. So gern ich mich dabei in ganz unbekannte Gefilde aufmache und mit Unerwartetem gelockt werden möchte, so sehr sehne ich mich gelegentlich nach wohlbekannten Geschichten. Nur wäre es ja allzu langweilig in solchen Momenten immerzu ein und dasselbe zu lesen. Darum haben es mir Adaptionen von Märchen wirklich angetan. Vor lauter Neugier kann ich es meist kaum erwarten, zu erfahren welch clevere Herangehensweise mich erwartet. Die Auswahl ist dabei natürlich riesig, aber doch dominiert von den Werken der Gebrüder Grimm. Mercedes Lackey bringt da mit Firebird hochwillkommene Abwechslung ins Spiel.

Geschickt verwebt die Autorin in ihrem Buch verschiedene slavische und russische Geschichten um den legendären Feuervogel. Eines Tages beginnen die kostbaren Kirschen des Zaren Ivan aus dem Garten zu verschwinden. Der gierige und despotische Mann verlangt von seinen Söhnen den Dieb zu fangen, was keinem so recht gelingen will. Außer dem ungeliebten Ilya. Der schafft es nachts einen kurzen Blick auf den Feuervogel im Kirschbaum zu erhaschen. Dumm nur, dass er daraufhin von einer anhaltenden Pechsträhne geplagt wird. Grundsätzlich Ziel der Sticheleien seiner entzweiten Familie, werden die Übergriffe seiner Brüder nun lebensbedrohlich. Doch es kommt, wie es kommen muss: Eine der Boshaftigkeiten geht zu weit und Ilya landet allein im winterlichen Nirgendwo. Zu allem Übel stolpert er zudem über das Schloss eines mächtigen Zauberers, in dem Monster hausen und die schönsten Maiden aller Herren Länder gefangen gehalten werden. Was bleibt ihm da schon übrig, außer sich in die Entzückendste zu verlieben und Pläne für die Rettung zu schmieden?

Trotz der vielen Elemente, die die Geschichte in sich vereint, schreitet die Handlung mit einem gemächlichen Tempo voran. Wer halsbrecherische Abenteuer in rasanter Geschwindigkeit liebt, wird wohl mit anderen Romanen besser bedient sein. Meine Vorlieben trifft Mercedes Lackey aber voll und ganz. Gerade durch die eher bedachte Erzählung kann sich die Atmosphäre der ungewöhnlichen Umgebung wunderbar entfalten. Besonders am Anfang des Buches fühlte ich mich daher wie in einer russischen Zauberlandschaft angekommen. Gemeinsam mit Ilya wanderte ich in die Molkerei des Guts, unter die Obstbäume der Wiesen und ins Dampfbad am Rande des Waldes. Ganz nebenbei tauchen dann Geister wie der Domovoi, die Rusalka oder der Bannik auf. Richtig idyllisch wird es allerdings nie. Dazu ist der Vater zu grob, die Brüder zu gefährlich und das Leben zu schwer.

Keine wirklich leichte Sache ist es, sich mit Ilya als Hauptfigur anzufreunden. Er ist der schlauste unter den etwas einfachen Geschwistern, eine Frohnatur und doch recht genügsam. Das macht ihn durchaus sympathisch. Vermeidet Mercedes Lackey dadurch zwar, dass ständige Selbstzweifel oder Weinerlichkeit dem Leser auf die Nerven fallen, verpasst Sie ihrer Figur aber andere unschöne Züge. So nett der Junge auch sein mag, er ist ein ziemlicher Schwerenöter. Da schwärmt er von den lieben Mädchen, die er so vermisst, ja die er unbedingt braucht! Ab und zu kam ich nicht umhin, ihm diese Wiederholungen übel zu nehmen.

Für einige Leser könnte sicher das, zumindest für Märchen, untypische Ende der Geschichte ein Ausgleich dazu sein. Wo es sonst nach dem Kuss der Prinzessin mit der Hochzeit endet, hängt Firebird noch eine Wendung dran und stellt die Konvention auf den Kopf. Positiv überrascht hat mich der Schluss mit den kantigeren Seiten der Geschichte versöhnt, wenn auch nicht ganz überzeugt. Die kleinen Schnitzer will ich dem Buch aber gern verzeihen, denn den Ausflug ins Märchenland war es allemal wert.

Bettina

Autorin: Mercedes Lackey
Titel: Firebird
Verlag: Tor Books

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