Eine Geschichte über einen verlorenen Sohn

© Foto: Ilke, 2017

Ein neuer Ländermonat – eine neue Frage, welches Buch man lesen möchte. Die liebe Karo hatte wieder eine Liste erstellt und mich auf ein Buch gebracht, das sonst wohl nicht auf meinem Schirm gelandet wäre. Ein Glück, geht es in dem Roman Ganz normale Helden doch unter anderem um ein Computerspiel.

Genauer gesagt um das fiktive Online-Rollenspiel Life of Lore (LoL), in welchem sich der Schüler Jeff Delpe die meiste Zeit aufhält. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn er nicht ein Geheimnis daraus machen und, als seine Eltern dies beim Durchschnüffeln seiner Post rausfinden, einfach von zu Hause verschwinden würde. Seine Eltern gehen verschiedene Wege um ihn zu finden: während seine Mutter Renata alle Freunde, Bekannte und die Öffentlichkeit abklappert, um Hinweise über ihren Sohn zu erhalten, setzt sein Vater Jim darauf, den Jungen in der Onlinewelt zu finden, denn durch Zufall erfuhr er seinen Namen in dem Spiel. Er hofft, als Unbekannter Freundschaft mit seinem Sohn schließen zu können und so den realen Aufenthaltsort herauszufinden. Nach und nach verfällt Jim dem Sog des Games und er vernachlässigt seinen Beruf als Rechtsanwalt und seine Ehefrau. Diese ist jedoch selbst mit ihrer eigenen Onlinewelt beschäftigt.

Der Roman erweckt zu Beginn einen harmlosen Eindruck, doch entführt er den Leser in Abgründe von Trauer, Sucht und Enttäuschung. Im Hintergrund steht stets Donald, der verstorbene Sohn und Bruder der Familie Delpe. Jedes verbliebene Familienmitglied versucht, mit dem starken Verlust zurecht zu kommen und zerbricht dabei fast selbst. Keiner redet mit dem anderen, jeder meint, Opfer für den Zusammenhalt der Familie zu bringen und ist enttäuscht, dass dies keiner merkt – und so flieht jeder in seine eigene Welt, die auf die eine oder andere Weise online stattfindet. Renata suhlt sich in ihrer Trauer und versucht Trost bei einem Online-Seelsorger, der als Gott schreibt, zu erhalten, Jim verkauft das Haus in London, da er meint, in einem neuen Haus auf dem Land würde alles besser werden und folgt seinem Sohn dann in das Spiel, und Jeff vertreibt sich die meiste Zeit als Coach für Neuankömmlinge in LoL und verdient ganz gut damit. Nebenbei möchte er offline seinen besten Freund als Musikmanager unterstützen. Online können die Protagonisten das sein und ausleben, was sie offline nicht offenbaren können.

Die Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird, wechseln zwischen Jim, Jeff und Renata, wobei Jim den größten Part erhält. Ich mochte die Metaphern und Vergleiche zur PC- und Onlinewelt, die immer mal wieder eingestreut wurden. Ebenfalls werden die Eigenarten der Sprache, wenn es um Kommunikation online geht, gut betont. Der Schreibstil hat mich mit jeder Zeile mitgerissen. Warum der Roman mit dem Ende beginnt und sich zum Anfang vorarbeitet, wird erst im Laufe der Geschichte klar, dieser Kniff hat mir gut gefallen. Obwohl ich die Charaktere oftmals nervig und unsympathisch in ihrer Handlungsweise fand, was aber mit ihrer Trauer und Verzweiflung entschuldbar ist, fand ich es sehr spannend, ihnen zu folgen und ihre Entwicklung zu sehen – wie sie zu ganz normalen Helden werden.

In dem Roman Superhero geht es speziell um Donald Delpe und sein Leben mit der schweren Krankheit, die, wie wir nun wissen, zu seinem Tod führte.

Ilke

Autor: Anthony McCarten
Buchtitel: Ganz normale Helden
Übersetzung: aus dem Englischen von Manfred Allié und Garbriele Kempf-Allié
Verlag: Diogenes

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