Goldfiebrig, geheimnisvoll, genial!

© Foto: Karoline, 2017

Schon lange stand der prämierte Wälzer Die Gestirne in meinem Regal und wartete darauf verschlungen zu werden. Als Straßenbahnleserin schreckte es mich jedoch ab, ständig ein ganzes Kilo (ich hab’s gewogen!) mit mir herumzuschleppen. Als ich es dann endlich angefangen hatte, konnte ich es nach wenigen Seiten schon nicht mehr aus der Hand legen und so fuhr es wohl oder übel mit mir durch die Stadt.

Die Geschichte beginnt in dem kleinen Örtchen namens Hokitika, Neuseeland. Wir befinden uns im Jahre 1866 auf dem Hoch des Goldgräber-Fiebers. Es treffen sich zwölf Männer im Salon eines mittelmäßigen Hotels, doch dieses Treffen ist kein Zufall. Zufall ist hingegen, dass unvermittelt eine 13. Person hinzustößt und so wird diese, in Gestalt des Briten Walter Moody, in ein riesiges Komplott eingeweiht, das derart verworren ist und an dem so viele Menschen mitwirken, dass es zu Beginn für den Leser schwer ist, den Überblick zu behalten.

Ein Einsiedler namens Crosbie Wells wird tot in seiner Hütte gefunden. Offensichtlich ist er seiner jahrelangen Trunksucht zum Opfer gefallen. Doch dann findet sich ein Apothekerfläschchen unter dem Tisch, ein Schriftstück in der Asche und ein riesiger Berg Gold in der Kammer – geprägt mit dem Stempel der Aurora-Mine. Gleichzeitig wird in einiger Entfernung die orientierungslose Hure Anna Wetherell aufgegriffen und wegen des Verdachts auf versuchten Selbstmord ins Gefängnis gesteckt. Doch an ihr ist mehr dran als erwartet. Währenddessen kommt ein Politiker auf Wählerfang durch das Arahura-Tal geritten. Er bringt den Stein der Ereignisse ins Rollen, denn er sucht seine verloren gegangene Schiffskiste und spielt dabei nicht mit offenen Karten. Und wo befindet sich nur der junge Goldgräber Emery Stines, Besitzer der Aurora-Mine, den seit Wochen niemand mehr gesehen hat?

Klingt komplex? Ist es auch, dennoch fügen sich alle diese Ereignisse zu einem riesengroßen Puzzle zusammen. Der erste Teil, der etwa die Hälfte des Buches füllt, verschafft dem Leser einen Überblick über das bisherige Geschehen und die involvierten Personen. Die 13 Männer im Salon sind schon eine Kuriosität für sich. Zwei Chinesen und ein Maori, ein Zuhälter, ein Anwalt, ein Geistlicher sowie ein Apotheker sind hier unter anderem zu nennen. Jeder der Anwesenden fasst für Neuankömmling Walter Moody seinen Teil der Geschichte zusammen. Dabei schafft es die Autorin neben der Handlung auch intensive Charakterstudien zu allen Beteiligten einzubauen, ohne dass Langeweile aufkommt. Bei jedem werden die Ecken und Kanten hervorgehoben, Gutmenschen gibt es hier nicht. Einige sind naiv aber liebenswert, andere skrupellos und undurchsichtig.

In den darauffolgenden elf Teilen geht die Handlung immer rasanter vonstatten. Die Kapitel werden kürzer, die Kapitelzusammenfassungen dafür umso länger, wodurch das Tempo besonders am Ende noch einmal ungeheuer gesteigert wird.

Die Autorin Eleanor Catton besitzt einen absolut genialen Schreibstil. Trotz ihres relativ jungen Alters (sie war 28 als sie 2013 den Man Booker Prize gewann) ist ihr Ausdruck sehr gewählt. Er passt perfekt in die Zeit des 19. Jahrhunderts. Geradezu verzückt war ich bei altertümlichen Worten wie Draperien. Ihre Neigung zu Schachtelsätzen bei Landschaftsbeschreibungen habe ich jedoch lediglich toleriert und diese Passagen überflogen.

Während ich mich anfangs erst auf diese verworrene Ausgangssituation einstellen musste, war ich wenige Seiten später schon total gefangen von der Geschichte und konnte nicht aufhören bis ich Die Gestirne ausgelesen hatte. Das Buch scheint wie in einem Guss geschrieben zu sein, kaum bietet sich eine Gelegenheit es einmal zur Seite zu legen. Zu viele offene Fragen beschäftigten meine grauen Zellen.

Ebenfalls eine gute Idee sind die Zusammenfassungen zu Beginn jedes Kapitels:

In welchem Kapitel ein Fremder nach Hokitika kommt, eine geheime Versammlung gestört wird, Walter Moody seine neuesten Erinnerungen verbirgt und Thomas Balfour eine Geschichte zu erzählen beginnt.

Eleanor Catton, Die Gestirne, Kapitel 1, S. 15

Stürzten mich diese Resümees anfangs noch in Ratlosigkeit, wusste ich sie im Verlauf der Geschichte umso mehr zu schätzen. Sie unterstützen den Spannungsbogen und machen sofort Lust auf das folgende Kapitel.

Das Verständnis fehlte mir jedoch beim Zusammenhang zwischen der Handlung und den Sternbildern. Jede Person stellt einen Stern mit verwandten Häusern oder einen Planeten mit verwandten Einflüssen dar. Auf der Zeichnung zu Beginn jedes Teils befinden sich die Symbole dieser Himmelskörper in einem Kompass, die handelnden Personen bilden die Himmelsrichtungen. Da ich mich weder mit Astronomie noch Astrologie auskenne, war ich also schlicht überfordert. Die im Klappentext beschriebenen zwei Liebenden, die sich umkreisen wie Sonne und Mond, habe ich hingegen verstanden, selbst wenn das Buch sich bei der Aufklärung viel Zeit lässt.

Noch Wochen danach schwelge ich in den Erinnerungen an diesen wunderbaren Roman, den ich unter Garantie ein weiteres Mal zur Hand nehmen werde. Denn auch die Auflösung hat es in sich und der Leser muss sehr gut aufpassen, um alle losen Fäden zusammenzufügen. So kreativ konstruiert wie die Geschichte ist, so anspruchsvoll ist ihre Auflösung. Ich kann Die Gestirne jedem leidenschaftlichen Leser und Liebhaber historisch korrekter Geschichten nur wärmstens ans Herz legen. Ihr werdet es nicht bereuen!

Karoline

Autorin: Eleanor Catton
Buchtitel: Die Gestirne
Übersetzung: aus dem Englischen von Melanie Walz
Verlag: btb Verlag

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2 Gedanken zu “Goldfiebrig, geheimnisvoll, genial!

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