Sex aus der wissenschaftlichen Perspektive

© Foto: Georgia, 2017

Bernard Becketts Stechzeit war mir für unseren Neuseeland-Monat direkt wegen des witzigen Titels ins Auge gestochen. Nachdem mich das Cover ebenso amüsiert hat, musste ich es einfach kaufen. Das schöne Büchlein mit seinen 157 Seiten hat mich während meiner Zugfahrt ausgesprochen gut unterhalten und ich musste mir häufig öffentliches, lautes Gelächter verkneifen. Alles in allem bin ich mit meiner Wahl sehr zufrieden.

Auch dieses Jahr tritt Malcolm wieder für seine Schule beim Wissenschaftswettbewerb an. Im Jahr zuvor erreichte er nur den zweiten Platz, da seinem Projekt der aktuelle Bezug gefehlt hat. Fest entschlossen diesmal Erster zu werden, wählt Malcolm ein Thema, dem es nie an Aktualität mangelt: Sex. Er selbst kann in diesem Bereich noch keine Erfahrungen vorweisen, aber wozu hat man Mitschüler, die im Hormonrausch der Pubertät versinken? Schwuppdiwupp besorgt er sich eine Kamera und beginnt eine Dokumentation rund um die schönste Nebensache der Welt zu drehen. Selbstverständlich braucht er dafür noch Opfer, ich meine natürlich Versuchsobjekte.

Juliet ist seit Kindertagen Malcolms beste Freundin und unterstützt ihn tatkräftig bei seiner Forschung. Schließlich hofft sie, dass er gewinnt und sie von dem Preisgeld Juliets Erpresser bezahlen können. Der weiß nämlich, dass sie beim Eignungstest ihrer Eliteschule geschummelt hat. Brian ist der Obermacker seiner Stufe und will unbedingt bei der hübschen Charlotte landen. Dabei bemerkt er nicht, dass sein bester Freund Kevin gerne bei ihm landen würde. Kevin ist noch nicht geoutet und hat die Hoffnung, dass Brian irgendwann erkennt, dass sie sich viel näherstehen als Brian und seine Eroberungen. Zu diesen zählt Charlotte nicht, denn sie hält Ausschau nach einem Typen, der eine gewisse Künstlerseele in sich trägt. Wer wäre da besser als der Junge mit der Kamera? Er ist ganz klar ein Visionär, hängt aber dummerweise immer mit dieser Juliet rum. Die fünf Jugendlichen befinden sich in verzwickten Beziehungskisten, die zum Ende des Buches in einem hervorragenden und überraschenden Finale entwirrt werden. Besonders schön ist es, dass die Erzählperspektive zwischen den fünf Charakteren wechselt und man sich in jeden hineinversetzen kann.

Beckett versteht es die aufblühenden Beziehungen junger Menschen und damit einhergehende Erforschung der eigenen Sexualität mit einem trockenen Humor zu verarbeiten. Dabei rutscht er nie ins Lächerliche ab, auch wenn manche Situationen zu übertrieben sind, um der Realität zu entsprechen. Gleichzeitig schafft er es den Protagonisten auf nur wenigen Seiten genügend Tiefgang zu verleihen, damit man ihrer nie müde wird. Denn auch pubertäre Jugendliche haben ernstzunehmende Vorstellungen von ihrem Sexualleben, auch wenn mich diese zum Schmunzeln bringen. Besonders gut hat mir gefallen, wie sehr sich diese Vorstellungen, unabhängig vom Geschlecht,  zwischen nüchtern und romantisch bewegen. Der Erzählstil strotzt vor pragmatischen und humorvollen Sätzen, die mich sehr oft und sehr plötzlich erheitert haben. Wie zum Beispiel als Malcolm mit der geborgten Kamera seines Lehrers herumspielt:

Denn inmitten der zahllosen Aufnahmen des Chemielehrers stolperte Malcolm über ein dreistündiges, nicht gerade jungendfreies Filmmaterial von fragwürdiger Qualität.

Bernard Beckett, Stechzeit, S. 9

Häufig haben mich Geschehnisse und Dialoge überrascht. Spannung und Witz haben sich somit die Klinke in die Hand gedrückt. Auch wenn man bereits aus dem Alter der Protagonisten herausgewachsen ist, versinkt man in der Geschichte und es kommt die eine oder andere Erinnerung hoch. Ich habe den Kauf von Stechzeit definitiv nicht bereut und kann es euch zum kurzweiligen Zeitvertreib nur empfehlen.

Georgia

Autor: Bernard Beckett
Buchtitel: Stechzeit
Übersetzung: Aus dem Englischen von Christine Gallus
Verlag: script5

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