Mein Büro ist eine Kneipe

© Foto: Katrin, 2017

Als ich das letzte Mal meine Familie besuchte, bekam ich von meiner Mutter kommentarlos die gesamten neun Teile der Krimi-Reihe Jack Taylor von Ken Bruen in die Hand gedrückt.  Den ersten der Romane hatten wir bereits vor Jahren gemeinsam entdeckt. Schon damals waren wir von dem abgewrackten Privatdetektiv, genau wie von der sprachlichen Brillanz der deutschen Übersetzung äußerst angetan. Kein Wunder, dass mich die Folgebände genauso in ihren Bann gezogen haben. Höchste Zeit, euch für diesen außergewöhnlichen Schmökerstoff zu begeistern. Ich frage mich gerade, warum das eigentlich so lange gedauert hat …

Jack Taylor ist ein irischer Gesetzeshüter mit dem obligatorischen Alkoholproblem. Nachdem er bei der Polizei seinen Hut nehmen musste, schlägt er sich mehr schlecht als recht als Privatermittler in Galway durch. Kaum sitzt er gemütlich bei Bier und Whiskey in seiner aktuellen Stammkneipe, knallt ihm ungefragt irgendjemand ein Problem und einen Packen Bargeld auf den Tisch. In seinem ersten Fall nach dem Rausschmiss bittet ihn die attraktive Ann Henderson inständig darum, den angeblichen Selbstmord ihrer Tochter aufzuklären. Widerstrebend lässt sich Jack darauf ein – und stolpert im Laufe seiner Ermittlungen nichtsahnend in einen Sumpf aus Prostitution und Gewalt.

Im Grunde laufen Jack Taylors Untersuchungen fast immer nach dem gleichen Schema ab und haben selten Ähnlichkeit mit einer zielgerichteten Suche nach Motiven und Tätern. Vielmehr belauscht der Leser den heruntergekommenen Ex-Bullen, wie er mit sich hadert und begleitet ihn auf seinem Streifzug durch die Stadt. Dabei mischt sich der alte Jack immer in Dinge ein, von denen er lieber die Hände lassen sollte. Häufig zum Unmut der ortsansässigen Polizei, mit welcher er deshalb ständig im Clinch liegt. Irgendwie enden derlei Auseinandersetzungen stets damit, dass die Anzahl der anfallenden Leichen eher steigt und noch dazu Jacks körperliche Unversehrtheit leidet.

Die Bücher sind dabei unglaublich zynisch, schwarzhumorig, gewalttätig und ja, voller Bitterkeit! Davon lassen konnte ich trotzdem nicht, denn selten haben mich ein Hauptcharakter und seine Probleme derart gefesselt. Dieser seltsame Privatdetektiv hat ein zugleich butterweiches und tiefschwarzes Herz – eine kontrastreiche Kombination, die beim Lesen so richtig schön weh tut. Er stolpert durchweg von einem persönlichen Fettnäpfchen ins nächste: seien es nun Dispute mit seiner herrischen Mutter, Entziehungskuren, Stimmungsschwankungen am Rande totaler Depression oder selbst verschuldete Todesfälle. Für seine Toten zündet Jack in der Kirche jedenfalls regelmäßig etliche Kerzen an. Anker im Meer von Sucht und Gewalt sind ihm neben der Musik vor allem Bücher. Bücher, die er sich immer wieder neu anschafft – was irgendwann regelrecht zum Running-Gag mutiert. Wer aufmerksam liest, wird in den Romanen eine Vielzahl an Musikern und Autoren finden, die es zu hören und zu lesen lohnt.

Die Charakterentwicklung des sympathischen Antihelden bildet das Herz der Reihe. Von Selbsthass und Selbstzweifeln gebeutelt, versucht Jack trotz allem so etwas wie Zuversicht aufrecht zu erhalten und vielleicht doch ein kleines Stück vom Glück abzubekommen. Wer jedoch darauf hoffen sollte, dass alles irgendwann gut wird, der sei gewarnt: es wird im Gegenteil von Band zu Band alles nur noch viel, viel schlimmer.

Der im Wasser klammerte sich an ein Stück Treibholz. Ich trat dem verbliebenen Knaben in die Eier, durchsuchte seine Taschen, musste mittendrin die Suche unterbrechen, um ihn gründlich vollzukotzen, nahm ihm den Geldbeutel ab und richtete mich endlich auf. Mein Körper war eine einzige Qual, aber dieser Anfall von Gewalttätigkeit hatte mich mit frischer Energie versorgt.

Jack Taylor gegen Benedictus (Band 7), Ken Bruen, S. 98

Der irische Autor hat hier eine düstere Krimi-Noir-Reihe geschaffen. Von Galgenhumor durchsetzt übt sie harsche Kritik an der irischen Gesellschaft, den sozialen Gegebenheiten und vor allem der katholischen Kirche.  Das fällt besonders auf, da der Autor Ken Bruen seine Zuneigung zu Außenseitern aller Art förmlich zelebriert. Folgerichtig wimmelt es in den Geschichten von schrägen, Mitgefühl erregenden, vertrackten, Angst einflößenden und vielschichtigen Nebencharakteren.

Ken Bruens Werk wird allerdings erst durch seine bemerkenswerte Sprache zum Leben erweckt. Obwohl dies sicher ebenso im Original der Fall sein wird, hat der Übersetzer Harry Rowohlt den deutschen Büchern seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Zwar habe ich die englischen Originalausgaben nicht vergleichend gelesen, doch alles andere ist für mich undenkbar.  So differenziert, so präzise, so kreativ ist diese Prosa – schlichtweg grandios! Selbst die Dialoge fallen irgendwie aus dem Rahmen. Häufig sind es nur Fetzen, die bruchstückhaft, fast stakkatoartig nahtlos in Jack Taylors Gedankenwelt übergehen und irische Lebensart vermitteln.

Nach Harry Rowohlts Tod in 2015 ist der letzte Teil der Serie nicht ins Deutsche übersetzt worden. Ich frage mich, ob einen solchen Kraftakt überhaupt jemand vollbringen könnte. Das 2013 erschienene Purgatory (zu deutsch: Fegefeuer) werde ich wohl im Original lesen müssen. Wie sollte ich sonst meinen Hunger nach düsterem, intellektuellem und gewalttätigem Krimifutter stillen? Eine derart intensive Bekanntschaft mit dem moralisch fragwürdigen Protagonisten Jack Taylor  will schließlich gepflegt sein.

Katrin

Autor: Ken Bruen
Buchreihe: Jack Taylor (2001 bis 2011)
Buchtitel: Jack Taylor fliegt raus, Jack Taylor liegt falsch, Jack Taylor fährt zur Hölle, Ein Drama für Jack Taylor, Jack Taylor und der verlorene Sohn, Jack Taylor auf dem Kreuzweg, Jack Taylor gegen Benedictus, Jack Taylor geht zum Teufel, Ein Grabstein für Jack Taylor
Übersetzung: aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Verlage: dtv / Atrium

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