Ein Sommer in der Schwebe

© Bild: Bettina, 2017

Langsam aber sicher traut sich der Sommer aus seiner Deckung und gelegentlich kitzeln mich Sonnenstrahlen auf der Nase. Kaum ist das der Fall, bin ich in Stimmung ein Buch zur warmen Jahreszeit zu lesen. Da ist das Angebot natürlich riesengroß! In der Buchhandlung kann man sich vor Ferienbüchern, Urlaubslektüre und Strandromanen gar nicht retten. Doch mir hat es in letzter Zeit das visuelle Erzählen angetan. Da hatte ich nun genau zur rechten Zeit die Gelegenheit, mir This One Summer von Mariko und Jillian Tamaki auszuleihen.

Die kanadischen Autorinnen erzählen in ihrer Graphic Novel die Geschichte von Rose und Windy, beste Freundinnen, die sich jedes Jahr aufs Neue in den langen Ferien mit ihren Familien in Awago Beach treffen. Die vorherigen Sommer scheinen immer gleich geruhsam abgelaufen zu sein, wie es nur Kindersommer vermögen. Dieses Mal ist es anders. Rose kann immer die Anspannung zwischen ihren Eltern spüren und die Freundinnen beobachten die anderen Bewohner von Awago Beach mit neuen Augen. Nun scheinen sie zum ersten Mal wirklich einen Blick in das Leben der Erwachsenen werfen zu können.

Den Sommer, die Kindheit und das Erwachsenwerden einzufangen, es beim Lesen spürbar zu machen, ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Mariko und Jillian Tamaki haben aber genau das mit so erschreckender Leichtigkeit geschafft, dass es an Meisterschaft grenzt. Wenn Rose gemeinsam mit Windy zum hundertsten Mal das Freilichtmuseum besucht, sie sich beim Schwimmen im Meer über die anderen Mädchen unterhalten oder heimlich den x-ten Horrorfilm für einen Videoabend ausleihen, kann man kaum umhin, in die eigenen Erinnerungen abzutauchen. Mariko Tamaki platziert so viele wiedererkennbare Momente in diesen kurzen Episoden, dass die Geschichte zum Anknüpfen einlädt. Dabei fügen sich die Stücke Schritt für Schritt zu einem großen Ganzen zusammen.

Gleichzeitig verlassen Rose und Windy in diesem Sommer die geschützte Kindheit. Sie nehmen die rebellischen Jugendlichen vor dem kleinen Supermarkt wahr und mutmaßen über deren Beziehungen. Es werden verlassene Lagerfeuer erkundet, an denen nachts gefeiert wurde. Dann hören sie auch noch die Streitereien zwischen Roses Eltern und beginnen deren Ursache zu erahnen. Diesen Übergang des Heranwachsens, vom Kleinsein mitten hinein in die Pubertät, schaffen die Autorinnen mit Bravour und halten gekonnt die Balance zwischen den Elementen ihrer Erzählung.

Bei all den Worten zum Inhalt möchte ich auf keinen Fall die großartigen Illustrationen der Graphic Novel vergessen. Denn die in wunderbaren Blautönen gehaltenen Bilder von Jillian Tamaki sind nicht bloße Dekoration. Sie bilden oft eine ganz eigene Geschichte und vermitteln auch ohne Worte so viel, dass mir die verschenkten Möglichkeiten in anderen Werken erst wirklich bewusst geworden sind. Wenn Windy tanzt, die Freundinnen im brausenden Meer schwimmen oder der dunkle Wald nach dem gruseligen Film selbst mit Taschenlampen ganz bedrohlich wirkt, dann brauchte es nichts weiter als die Bilder, um mich nach Awago Beach zu bringen.

In Amerika hat das Buch, kein Wunder, Preise aller Art bekommen. Wenn neben der Caldecott Medaille und dem Printz Award alle anderen ebenfalls einen Sticker auf dem Cover bekommen hätten, wäre vom schönen Motiv sicher gar nichts mehr zu sehen. Da ist es natürlich sehr erfreulich zu wissen, dass der Reprodukt Verlag die Graphic Novel als Ein Sommer am See auch ins Deutsche übersetzt hat – für alle, die das Buch jetzt lesen wollen. Also hoffentlich jeder!

Bettina

Autorinnen: Mariko und Killian Tamaki
Buchtitel (eng.): This One Summer
Buchtitel (dt.): Ein Sommer am See
Übersetzung: aus dem Englischen von Tina Hohl
Verlag (eng.): First Second
Verlag (dt.): Reprodukt Verlag

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