Virtuelle Realität

© Foto: Ilke, 2017

Computerspiele dienen der Unterhaltung und ein Stück weit der Realitätsflucht. Virtual Reality ist wieder auf dem Vormarsch und möchte uns noch mehr in die Tiefen des virtuellen Raums abtauchen lassen. Denken wir noch ein bisschen weiter: was, wenn wir nicht nur unsere Freizeit, sondern auch unser Leben in diese Welt verlagern würden. Eine ganze Stadt, die es nur online gibt und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Der Autor Sergej Lukianenko spinnt mit den Science-Fiction-Romanen Labyrinth der Spiegel und Der falsche Spiegel diese Idee weiter.

Die Romane

Kurz vor der Jahrtausendwende findet das Leben von vielen, die es sich finanziell leisten können, nur noch online statt, genauer gesagt in der „Tiefe“. Durch Zufall entstand das PC-Programm „Deep“, welches die Psyche eines Menschen manipuliert und – wenn es im Hintergrund läuft – jedes weitere Programm zur Realität des Nutzers werden lässt. Ein spezieller Sensoranzug verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Auf Grundlage dessen entwickelte sich die riesige, virtuelle Stadt Deeptown, in der alles möglich ist und es keine Gesetze gibt. Einziger Nachteil: die meisten User halten die Tiefe für real und kommen selbstständig nicht mehr heraus. Sie benötigen einen speziellen Ausgangspunkt oder einen Wecker in der wirklichen Welt, der sie zurückholen kann. Vergessen sie dies, sind sie in der Tiefe verloren und sterben nach einiger Zeit vor ihrem Rechner. Ihre letzte Hoffnung sind dann die Diver: Menschen, die die Fähigkeit besitzen, auch in der Tiefe den Bezug zur Realität zu wahren und das Programm jederzeit und ohne fremde Hilfe verlassen zu können.

Einer dieser Diver ist Leonid aus St. Petersburg, der sich neben Rettungsaktionen hauptsächlich mit Online-Diebstählen für verschiedene Auftraggeber über Wasser hält. Sein Freund Maniac versorgt ihn dabei mit Hackerwissen und Viren, zudem arbeitet er ab und zu mit Romka, einem anderen Diver, zusammen. Als er den Auftrag bekommt, einen verlorenen User aus dem Game „Labyrinth des Todes“ zu holen und ihm ein fetter Gewinn winkt, sagt er selbstverständlich zu. Erst im Laufe der Rettungsaktion wird ihm die Besonderheit der Aufgabe bewusst, denn die Bergung des „Loser“ genannten Spielers ist nicht so einfach wie gedacht und auch andere Institutionen sind an ihm interessiert. Bevor er versteht, was überhaupt geschieht, ist Leonid auf der Flucht und stößt auf ein Geheimnis, das die gesamte Welt verändern könnte.

Der zweite Band spielt einige Jahre nach den Ereignissen des ersten. Die Welt hat sich tatsächlich gewandelt, jedoch anders, als es sich Leonid vorgestellt hat. Seine Funktion und Weltanschauung haben sich geändert und er versucht, mit den Neuerungen klar zu kommen und nebenbei sein Privatleben aufrecht zu erhalten. Als er vom Tod eines Freundes erfährt, beschließt er den Ereignissen auf den Grund zu gehen und den Mörder zu stellen. Ehe er es sich versieht steckt Leonid mitten in einem Abenteuer, das bedrohlich ist wie noch nie zuvor, denn es ist nicht nur die Tiefe gefährdet, sondern ebenso das Leben von Menschen in der Realität. Um hier erfolgreich sein zu können, muss er sich auch seiner Vergangenheit stellen.

Wie hat es mir gefallen?

Sergej Lukianenko schafft mit der kurzen Reihe eine fantastische und zugleich düstere Vorstellung einer Gesellschaft, die all der Regeln überdrüssig ist. Die Menschen möchten sich  in der virtuellen Welt ausleben, sofern sie die notwendigen Ressourcen besitzen. Der erste Roman wurde 1996, der zweite 1998 geschrieben, zu einer Zeit, in der Virtual Reality noch in den Kinderschuhen steckte und Programme wie Second Life oder große Oninespiele noch gar nicht existierten. Es ist erstaunlich, welche Visionen der Autor zur damaligen Zeit besaß und wie sehr diese, zumindest in Ansätzen, Wirklichkeit wurden. Beim Lesen schwankte ich zwischen Nostalgie über inzwischen veraltete Technikstrukturen und Bewunderung von Zukunftsaussichten. Die Charaktere sind liebevoll gestaltet und entwickeln sich im Laufe der Geschichten weiter. Leonid ist in seinen 30ern und lebt und arbeitet voll und ganz in der Tiefe. In die Realität verschlägt es ihn nur kurz, um etwas aus seinem fast leeren Kühlschrank zu klauben oder zu schlafen. Als Einzelgänger verbringt er nur selten privat Zeit mit anderen Menschen, hierbei sind Maniac und Romka zu nennen, wobei er zu Beginn nur ersterem tatsächlich von Angesicht zu Angesicht begegnet ist. Nach und nach entwickelt sich eine Liebesgeschichte zu einer besonderen Frau, die allerdings zu meinem Glück eher hintergründig bleibt und keine Kitsch-Ausmaße annimmt. Leonid begegnet auf seiner Mission immer wieder Nebencharakteren, die ihn unterstützen und die durch ihre Einzigartigkeit auch dem Leser ans Herz wachsen.

Einzig den Bruch zwischen Ende Band 1 und Anfang Band 2 fand ich schwierig, da in der Geschichte inzwischen einige Jahre ins Land gegangen sind und ich mit dem plötzlich veränderten Leonid erstmal klar kommen musste, die allerdings im Laufe der Geschichte erklärt wird. Durch den flüssigen Schreibstil und die unterhaltsamen Dialoge fand ich jedoch wieder schnell in die Story rein. Leider wurde das Ende von beiden Teilen recht offen gehalten, sodass der Leser selbst interpretieren muss. Zudem ist es ein bisschen zu spirituell angehaucht. Überhaupt wird die Welt zwar direkt beschrieben, jedoch muss sich der Leser die Informationen stückchenhaft und zwischen den Zeilen zusammenklauben. Wie ich hörte, sei dies ein typisches Stilmittel von Lukianenko. Etwas gewöhnungsbedürftig fand ich die Vielzahl von Spitznamen, die der Protagonist und verschiedene Nebencharaktere erhielten. Es ist zwar stets zu erkennen, wer gemeint ist, aber gerade zu Beginn musste ich mehrmals hinsehen und mich fragen, ob das jetzt ein Schreibfehler oder gewollter Spitzname ist.

Ich hatte sehr viel Spaß beim Eintauchen in die Spiegel-Reihe und verließ sie nur ungern, waren mir die Charaktere doch inzwischen ans Herz gewachsen. Leonid wird mich sicher noch einige Zeit in Gedanken begleiten.

Ilke

Autor: Sergej Lukianenko
Buchtitel: Labyrinth der Spiegel, Der falsche Spiegel
Übersetzung: aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag

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