Mannschaft – wir haben ein Loch zu bohren!

© Foto: Katrin, 2017

Das Programm des noch relativ neuen Imprints  Fischer Tor war uns von Inkunabel gleich zu Beginn als besonders reizvoll ins Auge gestochen. Daher weckte die Science-Fiction-Geschichte Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers gleich mehrfach reges Interesse – in meinem Fall allein schon durch den herrlich langen Titel. Da ich von der überaus reizenden Georgie den Roman vor einiger Zeit geschenkt bekam, bin ich nun die Glückliche, die euch vom ersten Abenteuer der Wayfarer-Crew erzählen darf.

Die Wayfarer ist ein robustes Raumschiff, zwar nicht besonders hübsch anzusehen, doch gut ausgerüstetes Flickwerk, das unter dem Kommando von Kapitän Ashby Wurmlöcher zwischen weit entfernten Planeten bohrt. Diese Verbindungswege durch Raum und Zeit zu schaffen ist ein gefährlicher Job, aber seine aus verschiedenen Spezies bunt zusammengewürfelte Mannschaft versteht ihr Handwerk. Als die junge Menschenfrau Rosemary Harper als frischgebackene Verwaltungsassistentin auf dem Schiff anheuert, möchte sie eigentlich nur ihrer Vergangenheit entkommen. Da Ashby jedoch kurz darauf einen brisanten Auftrag der Galaktischen Union annimmt, stürzt sie kopfüber in das erste große Abenteuer ihres Lebens. Denn es gilt, ein Wurmloch zu einem weit entfernten Planeten im Hoheitsgebiet der kriegerischen, arg undurchsichtigen Toremi zu bohren. Ein auf mehreren Ebenen gefährliches Unterfangen …

Sofort haben mich die neun Hauptcharaktere des Romans völlig gefesselt. Abwechselnd wird die Geschichte aus Perspektive der verschiedenen Mannschaftsmitglieder erzählt, wodurch der Leser gleichzeitig mehr über denjenigen erfährt. Das ist ungemein unterhaltsam und erlaubt spannende Einblicke in die Kultur und Denkweise des jeweiligen Volkes. Die Unterschiede zwischen den Alien-Rassen werden vor allem mithilfe der geschilderten Beziehungen sehr deutlich herausgearbeitet. Jede der zumeist spleenigen Figuren begleitet man gern, ganz egal ob ins äußerst lebendige Innenleben des Schiffes, auf einen zwielichtigen Markt irgendwo in einem entfernten Winkel der Galaxie oder zum Heimatplaneten einer Rasse reptilienartiger Wesen.

Kapitän Ashby ist sicherlich das Herz der Mannschaft. Als kluger, besonnener Mann mit großem Verantwortungsgefühl hat er weitreichende Pläne für die Zukunft. Völlig aus der Spur bringt ihn lediglich seine heimliche Affäre mit Pei, die einer anderen Rasse angehört und wie er als Spacer ständig durch das All reist. Die echsen-ähnliche Sissix ist dagegen seine engste Vertraute auf dem Schiff. Sie ist eine ausgezeichnete Pilotin, polyamourös und generell äußerst liebenswert. Trotz ihrer entspannten Wesensart liegt sie jedoch ständig im Clinch mit dem anstrengenden Algeisten Corbin, der für den pflanzlichen Treibstoff verantwortlich und nur am Meckern ist.
Natürlich benötigt ein solches Raumschiff auch zwei verrückte Technik-Nerds, die alles am Laufen halten. So hegt die aufgedrehte Mechanikerin Kizzy eine verhängnisvolle Leidenschaft für Feuershrimps, kann dafür jedoch selbst im Schlaf nahezu alles reparieren. Ihr bester Freund Jenks ist genauso begabt und fühlt sich zwischen Schaltkreisen und Programmen pudelwohl. Eigentlich etwas zu sehr, denn er ist Lovey, der schlichtweg reizenden KI des Schiffes, in tiefer Liebe zugetan. Navigator an Bord sind Ohan, eine hochintelligente zweiteilige Wesenheit, die aus einem Wirt und einem Parasiten besteht und als einziges die Kursberechnung innerhalb eines Wurmlochs durchführen kann. Der weise Dr. Koch schließlich hält Leib und Seele des Schiffes zusammen. Als Koch und Arzt der Crew sorgt er für deren Wohlbefinden, obwohl ihn als einem der letzten seiner Art stets eine Aura der Melancholie umgibt. Mal ehrlich: Klingt diese Ansammlung nicht einfach wunderbar?

Obwohl das Thema Krieg im Buch durchaus einen gewissen Raum einnimmt, verfolgt der Leser kein einziges intergalaktisches Scharmützel. Vielmehr ist der Titel des Romans, Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, Programm. Was sich ein bisschen liest wie ein schräger Reisebericht, angefüllt mit allerlei merkwürdigen Orten und Nebenfiguren, entspricht nämlich ganz der alten Weisheit: Der Weg ist das Ziel. Indem die Autorin sich auf ihre unglaublich sympathischen Charaktere und deren Interaktion fokussiert, baut sie immer wieder Spannung auf und treibt die Handlung voran. Fast gänzlich entwickelt sich so, abgesehen von einigen außergewöhnlichen Situationen während der Reise, die Dynamik der Geschichte. Schließlich birgt das Zusammenleben der Gruppe auf engstem Raum während ihres langen Flugs mehr als genug Konfliktpotential.

Da ich mir schon länger vorgenommen hatte, mal wieder etwas mehr Science Fiction zu lesen, kam mir  Becky Chambers Roman genau zum richtigen Zeitpunkt vor die Nase. Da hatte ich so richtig Glück, denn die Geschichte macht einfach Appetit auf mehr! Im Geiste die Abenteuer dieses Raumkreuzers zu verfolgen, war ein überaus kurzweiliger Genuss. Ehe ich es mich versah, musste ich bereits wieder Abschied nehmen von der Wayfarer-Crew. Daher kann ich es nun kaum erwarten, bis der zweite Teil der Reihe erscheint. Bis dahin verleihe ich das Buch erst einmal fröhlich weiter und empfehle es jedem, der lange genug still steht. Dann können wir alle gemeinsam ordentlich ins Schwärmen geraten.

Katrin

Autorin: Becky Chambers
Buchtitel: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Karin Will
Verlage: FISCHER Tor

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