We are family

© Fotos: Katrin und Ilke, 2017

Die Zeit war wieder einmal reif, die Regale nach interessanter Kinder- und Jugendliteratur zu durchstöbern. Dank der Bücherfee meines Vertrauens sowie meiner Mitstreiterin Bettina war die Entscheidung schnell getroffen. Daher habe ich heute  gleich zwei spannende Titel im Gepäck, die beide bei Dressler erschienen sind. Zum einen ist dies Salon Salami. Einer ist immer besonders des Wahl-Berliners Benjamin Tienti, zum anderen das Buch Pferd, Pferd, Tiger, Tiger der dänischen Autorin Mette Eike Neerlin. Selbst wenn die Geschichten auf den ersten Blick recht verschieden daherkommen, behandeln doch beide zwei zentrale Themen: Familie und Selbstbestimmung.

Familie ist wahrlich zum Haare raufen
Begeisterte Leser sollten an Salon Salami. Einer ist immer besonders ihre helle Freude haben. Hani, die Erzählerin der Geschichte, ist gerade mal 12 Jahre alt –  und vermisst schrecklich ihre Mutter, die im Gefängnis sitzt. Doch wer die Schuld daran trägt, darüber will ihr Vater nicht reden. Lieber schneidet er in Onkel Ibos Friseursalon Salmani (Salami eben) Stammkunden die Haare, sodass Hani deren Vorher-Nachher-Bilder ins Schaufenster kleben kann.  Dabei scheint Onkel Ibo den Salon in Wirklichkeit für ganz krumme Geschäfte zu nutzen. Währenddessen schmiedet Hani einen tollkühnen Plan, um endlich ihre Mutter im Gefängnis besuchen zu können. Was dazu führt, dass sich die leicht verdrehte Sozialarbeiterin Mira in die ganze Misere einmischt. Ob das wohl gut geht?

Klar tut es das! Die Geschichte soll den Leser schließlich aufrichten. Besonders gefallen hat mir, neben der starken Protagonistin, der Fokus des Autors auf die Familiendynamik der Salmanis. Hier werden die Erwachsenen mit all ihrer Unentschlossenheit, ihrer Verlogenheit und Furcht ziemlich vorgeführt. Hani trägt für ihr Alter viel zu viel Verantwortung, denn seit ihre Mutter nicht mehr da ist, hilft sie nicht nur im Friseursalon aus, sondern kümmert sich fast allein um ihren kleinen Bruder. Der Vater ist völlig überfordert von der Situation, bleibt passiv und duckt sich, während er Onkel Ibo das Ruder überlässt. Eine recht harte Ausgangssituation, wie ich finde. Aber dank Hanis Mut und Entschlossenheit (wenn auch nicht unbedingt​ wegen ihrer guten Ideen) kommen die Dinge endlich ins Rollen, sodass am Ende alles irgendwie seine Richtigkeit hat.

Nicht wirklich gut, aber könnte schlimmer sein
Im Roman Pferd, Pferd, Tiger, Tiger geht es etwas weniger aufregend, dafür aber umso emotionaler zu. Die Geschichte spielt im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro und stellt uns  Honey vor. Sie ist 15, hat eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, ist zum ersten Mal verliebt und möchte einfach nicht auffallen. Kein Wunder, denn die echten Probleme lauern in ihrer Familie. Ihre hirngeschädigte ältere Schwester Mikala ist ein Schatz, will aber ohne Honey nicht mal allein auf die Toilette gehen. Die Mutter kümmert sich naturgemäß eher um Mikala und hat ohnehin sehr damit zu kämpfen, den Lebensunterhalt für die kleine Familie zu bestreiten. Ihren unzuverlässigen Vater sieht Honey wiederum nur mal am Wochenende, wenn er sich wie immer unter einem Vorwand ihr Taschengeld erbettelt. Das alles ist irgendwie nicht sonderlich toll, aber es könnte schlimmer sein, eben „mama huhu“, chinesisch für Pferd, Pferd, Tiger, Tiger – wobei äußerst bezeichnend für Honeys Verhalten ist, wie sie über dieses Sprichwort stolpert. Völlig aus der Bahn wirft das Mädchen letztendlich ihre eigene Passivität, die sie in ein Hospiz zu einem sterbenskranken alten Mann führen. Marcel hat in Bezug auf seine Familie so einiges zu bereuen und irgendwie entdecken er und Honey einen Draht zueinander. Heimlich besucht sie ihn fortan, wobei so einiges zutage tritt, das bei beiden schief gelaufen ist. Bleibt Marcel noch genügend Zeit, um seine Fehler zu bereinigen? Und vor allem: Wird Honey es schaffen, über ihren eigenen Schatten zu springen und für ihre Wünsche einzustehen?

Diese Geschichte musste ich trotz ihrer Kürze in drei, vier Schüben lesen. Zu sehr hat mich Honeys duckmäuserisches Verhalten gestört, zu kaputt waren mir ihre Familienverhältnisse. Kurz gesagt: Mir fehlte manchmal die positive, hoffnungsvolle Note. Das Ende hat mich zugegebenermaßen dann doch wieder überzeugt, da es rund und passend war, aber zwischendrin hätte ich das Buch manchmal am liebsten frustriert in die Ecke gepfeffert. Vollends versöhnlich gestimmt hat mich die Dynamik zwischen Honey und Marcel. Letztendlich fand ich, dass diese die Hauptfigur gut durch das Geschehen getragen hat, sodass sie daran wachsen und sich emanzipieren konnte.

Ein kurzer (etwas unfairer) Vergleich
Salon Salami ist temporeich und frech inszeniert. Dass Kriminalität und Vertuschung thematisiert werden, finde ich recht speziell. Als Aufhänger funktioniert das allerdings wunderbar. Dabei sind die Charaktere alle dermaßen realistisch gestaltet, dass man Hani am liebsten prompt unterstützen oder ihrem Vater gern mal so richtig die Leviten lesen würde. Das hat Feuer, Humor und liest sich in einem Rutsch weg.
Ein direkter Vergleich zu Pferd, Pferd, Tiger, Tiger ist wahrscheinlich nicht so ganz angebracht. Dieser Roman ist trotz seines subtilen Humors allein vom Grundtenor her ernster und tiefgründiger. Das stört mich auch nicht, denn das Buch hat andere Qualitäten und zeigt sehr schön die Entwicklung einer Ja-Sagerin zu einer selbstbestimmten Person.  Hier ist mir jedoch die Ausgangssituation etwas zu viel des Schlechten. Speziell die krude Vater-Tochter-Beziehung wird für meine Begriffe schlichtweg zu oberflächlich abgehandelt.

Im Zentrum beider Romane stehen die jeweiligen Familienmitglieder und deren Beziehungen untereinander. In Verbindung mit solchen Themen wie Drogen, Gefängnis, Lügen und Sterben wird man auf eine ganz schöne emotionale Achterbahnfahrt mitgenommen. Der flotte Schreibstil von Salon Salami hat mich von Anfang an ziemlich mitgerissen, während ich mich durch Pferd, Pferd, Tiger, Tiger streckenweise etwas durchkämpfen musste. Das lag vor allem an der zurückhaltenden Protagonistin, die ich zunächst etwas anstrengend fand.
Am Ende entwickeln sich beide Hauptfiguren zum Positiven und die Geschichten können einen vernünftigen Abschluss vorweisen. Damit haben mich diese zwei Geschichten zwar nicht unbedingt überwältigen und vollends begeistern können, aber auf jeden Fall zählen sie zum Reigen durchaus empfehlenswerter Kinder- und Jugendliteratur.

Katrin

Autor: Benjamin Tienti
Buchtitel: Salon Salami. Einer ist immer besonders (ab 10 Jahren)
Verlag: Dressler

Autorin:  Mette Eike Neerlin
Buchtitel: Pferd, Pferd, Tiger, Tiger (ab 12 Jahren)
Übersetzung: aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
Verlag: Dressler

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