Wenn Hexen hexen, hexen Hexen Hexen hinterher

The Apprentice Witch Cover

© Cover: Chicken House, 2017

Wie so viele von uns bin ich mehr oder weniger absichtlich Abonnent einiger Newsletter. Die meisten davon haben immerhin mit Büchern zu tun und warten somit gelegentlich mit interessanten Neuigkeiten oder Artikeln auf. So landete ich ganz unverhofft bei einem interessanten Interview mit James Nicol über sein neues Buch The Apprentice Witch und war gleich geködert. Schnell war das Buch gekauft und die abendliche Planung über den Haufen geworfen.

Im Kinderbuchdebüt des britischen Erzählers dreht sich alles um die Erlebnisse der 15-jährigen Arianwyn. Schon ihr ganzes Leben lang hat sie sich darauf gefreut eine richtige Hexe zu werden und die letzten zwei Jahre das dazugehörige Handwerk bei ihrer Großmutter gelernt. Doch bei der Abschlussprüfung bringt sie nicht nur die Messgeräte zum Rauchen, sondern rasselt gnadenlos durch den Test. Zu ihrem Erstaunen bekommt Arianwyn trotzdem immerhin den Status des Hexenlehrlings und wird in der kleinen Stadt Lull ganz am Rande des Königreichs stationiert. Die haben sowieso schon lange keine Hexe mehr gehabt, da ist auch ein Lehrling willkommen. Mit angekratztem Selbstbewusstsein macht sich Arianwyn auf den Weg. Ganz so ruhig wie erwartet ist es im Nirgendwo aber nicht. Der naheliegende Wald ist schon lange bekannt für mysteriöse Geister und magische Fabelwesen. Nun regt sich Neues im unerforschten Dickicht. Neues, das den Einwohnern von Lull ganz und gar nicht geheuer ist. Zu allem Überfluss läuft Arianwyn, gerade als sie sich in der Stadt eingelebt und Freunde gefunden hat, auch noch die gemeine Gimma aus Schulzeiten über den Weg. Eigentlich sollte sich ein Hexenlehrling doch in aller Ruhe darauf vorbereiten die vermasselte Prüfung zu wiederholen. Bei dem ganzen Chaos, keine leichte Angelegenheit.

Nicol reiht sich mit The Apprentice Witch ganz in die große Tradition der englischen Kinderliteratur ein. Er erzählt seine Geschichte mit Charme und einer guten Portion Originalität, was die gemütliche Atmosphäre von bekannten Motiven auflockert. Wer kennt sie nicht, die Cottages der grünen englischen Landschaften, wer hat keine Bilder von kleinen Örtchen mit steinernen Stadtmauern oder engen Gässchen im Kopf? Sofort breitet sich Behaglichkeit aus, wenn die Gastwirtschaft von Lull beschrieben wird oder das schon etwas verstaubte Spellorium, neues Reich der ortsansässigen Hexe. Ungewohnt ist dagegen die zeitliche Epoche, an die Nicols Geschichte angelehnt ist. Spätestens wenn von klapprigen Bussen, schicken Autos und Telefonen berichtet wird, ist klar, dass wir es hier nicht mit der grauen Vorzeit zu tun haben. Viele eingestreute Kleinigkeiten lassen die Welt wie aus den 1940er Jahren entsprungen erscheinen. Vermischt mit den schönen Ansätzen des Magiesystems, kommt dabei eine frische Variation heraus, in die man schnell eintauchen kann.

Auch bei seinen Figuren bedient sich Nicol aus dem großen Fundus der Archetypen, mit denen wir alle irgendwie vertraut sind. Der pompöse Bürgermeister von Lull, die quirlige neue Freundin Salle, Arianwyns schnittige Vorgesetzte Miss Delafield und Gimma, von der sie früher drangsaliert wurde, sind beste Beispiele dafür. Sie sind etwas übertrieben, die meisten schlussendlich doch liebenswert. Arianwyn selbst ist eine gelungene Heldin. Es dauert zwar ein bisschen, bis sie mitbekommt, dass sie doch gar nicht so untalentiert in Magie ist wie geglaubt, aber sie erarbeitet sich Stück für Stück größeres Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Sie leidet zudem unter dem etwas langweiligen notorischen Heldenmakel tolpatschig zu sein. Lobenswert finde ich allerdings, dass sie Gimma, nach ihrem verletzenden Verhalten in der Schule, eine zweite Chance gibt. Für einige Leser mag Arianwyn vielleicht darum grundsätzlich etwas naiv wirken, in die Erzählweise des Autors passt sie auf diese Weise ganz wunderbar.

The Apprentice Witch ist der erste Teil einer geplanten dreibändigen Serie. Zwar ist die Geschichte in sich geschlossen und am Ende die erste große Hürde bezwungen, aber es deuten sich schon weitere große Geheimnisse an. Schade nur, dass ich nun ein bisschen warten muss, um die Protagonisten besser kennenzulernen und ein Stück tiefer in die Fantasiewelt von James Nichols einzutauchen. Bis es so weit ist werde ich wohl etwas häufiger in meine Newsletter schauen müssen. Vielleicht erspähe ich ja noch einmal solch einen Glücksfund!

Bettina

Autor: James Nicol
Buchtitel: The Apprentice Witch
Verlag: Chicken House

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6 Gedanken zu “Wenn Hexen hexen, hexen Hexen Hexen hinterher

  1. Kathrin schreibt:

    Das klingt nach einer Lektüre zum Genießen, guter Unterhaltung und ganz klassischem Storytelling. Und Hexen gehen als Thema eh immer. 😀 Als Kind habe ich Geschichten wie diese immer besonders gern aus der Kinderbibliothek ausgeliehen und auch jetzt tauche ich hin und wieder gerne darin ein. Kurz: Das Buch kommt auf die Merkliste. Vielen Dank für die Empfehlung! 🙂

    • Bettina schreibt:

      Ach, es lässt mein Herz immer höher schlagen, wenn es mir gelingt andere von den Büchern zu überzeugen, die es mir angetan haben. Schön, wenn es bei dir gepasst hat! Das Buch wird es wohl demnächst auch auf Deutsch geben, denn die Rechte sind bei Chicken House zumindest als verkauft aufgeführt.

      Hexen sind als Thema schon sehr verbreitet. Gleichzeitig wird es so unterschiedlich ausgelegt, dass eine Geschichte mit der anderen kaum vergleichbar ist. Man denke da nur an Klassiker wie Grimms Märchen Hexen, Zauberer von Oz Hexen, Harry Potter Hexen, Otfried Preussler Hexen, Bibi Blocksberg Hexen und, und, und … allein der Fundus Kinderbuchbereich!

      Hattest du denn Favoriten?

      • Kathrin schreibt:

        Gerade deshalb mag ich Hexen als Teil von Geschichten so sehr: Es ist ein Thema, das sehr vielfältig ausgelegt werden kann – sei es nun, ob Hexen gut oder böse sind, womit sie ihre Zauber wirken, ab wann eine Hexe eine Hexe ist (ist es wirklich Magie in dem Sinne, wie die meisten sie verstehen, oder doch nur klug eingesetztes Wissen) …

        Als Kind habe ich natürlich Preußlers „Die kleine Hexe“ abgöttisch geliebt und sie war eine meiner Lieblingsheldinnen. Außerdem habe ich als Kind gerne das Buch „Die Straße der Hexen“ von Mies Bouhuys sehr gemocht und wie „normal“ die Hexen darin geschildert waren, ein wenig großmütterlich, aber auch taff. Grundsätzlich war ich immer ein Fan der „guten“ Hexen bzw. der Hexen, die als böse missverstanden wurden. Elphaba und Galinda aus „Wicked“/ Oz sind beispielweise meine beiden liebsten Vertreterinnen dieser Art (sowohl in der Musicalversion als auch in der Buchversion von Gregory Maguire). So richtig fiese Hexen haben aber durchaus auch ihren Reiz, z. B. ist die Mommy Fortuna in „Das letzte Einhorn“ schon ein Charakter, den ich nie vergessen könnte. Oder die Hexen aus „Hexen hexen“ von Roald Dahl – einmalig und herrlich schauderhaft. 😀

        Welches sind denn deine Favoriten? Hast du vielleicht noch einen Geheimtipp für mich – egal, ob aus dem Kinder- oder Erwachsenenbuchbereich?

      • Bettina schreibt:

        Ich habe mal in meinem Regal gewühlt und ein paar schöne Sachen gefunden:

        Ich habe sehr gute Erinnerungen an „Freya und das Geheimnis der Großmutter“ von Andrea Weibel. Das fällt sicher in die Kategorie „Weisheit einsetzen“ streift aber auch die Themen Aberglaube und Verfolgung. Eigentlich ist es hauptsächlich ein fast historischer Roman für junge Teenager.

        Absolut vernarrt bin ich noch heute in alles von Diana Wynne Jones! Sie hat unter anderem die tolle Chrestomanci-Serie geschrieben. Abenteuer, Zauberei und So very British! Lustigerweise wurde The Apprentice Witch auch damit gepriesen, dass das Buch sehr an Diana Wynne Jones erinnert.

        Und schlussendlich habe ich noch die Empfehlung einer lieben Kollegin für eine Jugendbuch-Serie von Josephine Angelini im Kopf. Die hat in „Everflame“ über Liebe, Hexen, Salem und andere Welten geschrieben.

  2. Kathrin schreibt:

    „Freya und das Geheimnis der Großmutter“ klingt nach einer guten Geschichte – und so wie ich das sehe, ist es auch vergriffen und lediglich gebraucht zu bekommen. Das werde ich also auf jeden Fall im Blick behalten.

    Von Diana Wynne Jones habe ich tatsächlich noch nie etwas gehört/ gelesen – scheinbar habe ich da etwas verpasst. 😀

    Mmh, von Josephine Angelini kannte ich bisher nur die Göttlich-Reihe und die fand ich zwar ganz nett, aber auch nicht überragend. Am besten schau ich mir hier zunächst die Leseprobe an.

    Vielen Dank für die Tipps! 🙂

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