Der kleine Arnau und die große Kathedrale

© Foto: Karoline, 2017

Bienvenidos zum brandneuen Weltenbummler-Monat! In den nächsten Wochen erwarten euch zahlreiche geschriebene, wie verfilmte Schmankerl voller Passion aus den spanischen Landen. Los geht es direkt mit einem dicken Wälzer, der schon seit Ewigkeiten in der Schrankwand meiner Eltern vor sich hin schmort. Was wäre wohl besser geeignet als dieser neue Ländermonat, um Die Kathedrale des Meeres endlich in Angriff zu nehmen?

Katalonien im 14. Jahrhundert: Auf einem Baurnhof wird eine Hochzeit gefeiert. Der Leibeigene Bernat ehelicht die Dorfschönheit. Doch als ihr Lehnsherr während einer Jagd an ihrem Gehöft vorbei kommt, nimmt er sich das Recht der ersten Nacht mit der Braut heraus. Die schöne Francesca wird brutal vergewaltigt, ihr frisch gebackener Ehemann Bernat kann nur hilflos daneben stehen, andernfalls drohen ihm Peitschenhiebe. Ein paar Wochen später ist die junge Frau schwanger. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass ihr Sohn Arnau eindeutig von Bernat stammt. Dies erzürnt jedoch den sonst so potenten Herrn, der prompt Mutter und Sohn auf seine Burg entführt. Während Francesca als Amme des Sohns des Burgherrn herhalten muss und von dessen Soldaten immer wieder gepeinigt wird, wird Arnau zum Sterben in den Ställen zurückgelassen. Dort findet ihn Bernat und flieht mit ihm ins freie Barcelona. Denn es geht das Gerücht, dass man nach einem Jahr und einem Monat in dieser Stadt von seiner Leibeigenschaft erlöst ist. Traurig ob seiner Mutterlosigkeit findet der heranwachsende Arnau bald Trost in der Kathedrale Santa Maria del mar, die sich mitten im Bau befindet. Ihre Besonderheit: sie wird vom armen Volk für das arme Volk errichtet. Alle städtischen Berufsstände helfen freiwillig, um sie groß und imposant werden zu lassen. An diesem Ort betet Arnau zur heiligen Jungfrau Maria, lernt Freunde kennen und trägt schließlich maßgeblich zu ihrer Vollendung bei.

Die Kathedrale des Meeres ist in bündige Kapitel und Lebensabschnitte Arnaus untergliedert. Er erlebt aber auch so einiges in den abgehandelten sechs Jahrzehnten. Armut, Tod, Reichtum, Pest, Kriege, Hungersnöte und Judenverfolgung sind da nur einige Schlagworte. Und immer wieder ist die Liebe ein Thema. Erst zu seinem Vater und seinem Kindheitsfreund, später dann zu der einen oder anderen Dame und stets zur Jungfrau Maria. Ich empfand es als besonders angenehm, dass auch Arnau nicht frei von Fehlern ist, jedoch immer versucht sich selbst treu zu bleiben.

Ildefonso Falcones verfügt über einen wirklich angenehmen Schreibstil. Er ist flüssig und nicht zu verschnörkelt. Die  Wiedergabe einiger historischer Begebenheiten und Namensaufzählungen habe ich dennoch überflogen, da mich die ungewöhnlichen Schreibweisen zu sehr aus dem Leserhythmus rissen. Überhaupt musste ich mir die Phonetik der einzelnen Namen von einer befreundeten Spanisch-Übersetzerin erklären lassen, damit sie in meinem Kopf einen normalen, weniger stümperhaften Klang hatten.

Bin ich froh, dass ich keine Frau der damaligen Zeit war! Denn mit denen wird im Buch sehr hart umgesprungen. Egal, ob Mutter, Tante oder Angebetete: Vergewaltigung, Erniedrigung, Freiheitsberaubung und Rechtelosigkeit kennzeichnen dieses frühere Frauenbild. Als Beispiel sei hier nur das einstige katalanische Recht genannt, nach dem ein Mann, wenn er eine ledige Frau entführt und vergewaltigt, das Vorrecht hat, sie zu heiraten oder weiter zu verheiraten. Ich war zutiefst erschüttert, wie besonders die Kirche auch bei der Herabwürdigung der Frauen mitgemischt hat und die aktive Züchtigung unterstützte.

Insgesamt ist das Buch 615 Seiten stark, sieht aber dicker aus als es ist, denn hier wurde eindeutig mit der Blattstärke etwas aufgebauscht. Mittlerweile gibt es diesen vermeintlichen Klopper nämlich auch in der Taschenbibliothek, ganz klein und handlich zu erwerben. Für mich jedenfalls war Die Kathedrale des Meeres eine wunderbar abwechslungsreiche, flotte Geschichte, die keinerlei Längen zu haben schien und daher innerhalb kürzester Zeit ausgelesen war. Deshalb kann ich sie wärmstens allen Historien-Freunden ans Herz legen.

Karoline

Autor: Ildefonso Falcones
Buchtitel: Die Kathedrale des Meeres
Übersetzung: aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
Verlag: Scherz

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