Sie schmachten, sie brennen, sie sterben

 © Foto: Karoline, 2017

Als der Titel Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda auf der Leipziger Buchmesse 2017 den Übersetzerpreis gewann, war für mich bereits klar, dass dieses Werk wohl einen Weltenbummler-Artikel wert ist. Miguel de Cervantes war mir, wie vielen anderen auch, schon vom glorreichen Don Quichote ein Begriff. Sein letztes Werk, das er wenige Tage vor seinem Tode zu Ende schrieb, ist hingegen nach all den Jahrhunderten immer noch ein Geheimtipp. Zurecht oder schlummert hier doch eine vergessene Perle?

Periandro und Auristela sind die zwei Haupthelden dieses Liebesepos. Über vier Buch-Etappen kann der Leser ihre abenteuerliche Flucht Richtung Freiheit verfolgen. Sie nehmen es mit grausamen Barbaren auf, entkommen dem Tode mehr als einmal mit dem Boot, doch auch auf hoher See lauern Gefahren. Ebenso wie bei vermeintlich freundlichen Gastgebern, denen ihre Gastfreundschaft spontan abhandenkommt. Wovor sie fliehen und welches Ziel sie wirklich verfolgen, wieso sie unter falschen Namen reisen und sich als Bruder und Schwester ausgeben, ist jedoch ein sehr lange gehütetes Geheimnis des Autors.

Dass die Handlung sich so schwammig liest, hat einen guten Grund: sie IST schwammig. Denn auch wenn Periandro und Auristela alias Persiles und Sigismunda ein konkretes Ziel verfolgen, so plätschert die Geschichte doch recht gemächlich und scheinbar ziellos vor sich hin. Als Beispiel sei hier der erste Teil des Buches genannt. Die Flucht von der Barbaren-Insel gestaltet sich zu Beginn recht aufregend, denn der Jüngling Periandro wird als Frau verkleidet und schmuggelt sich so unter die Sklavinnen. Er kann die dort festgehaltene Auristela retten und flieht mit vielen anderen Gefangenen von der grauenvollen Insel. Soweit, so gut. Doch anstatt diesen Spannungsbogen weiter zu halten, driftet Cervantes zur Beschreibung sämtlicher Mitgeflohenen ab. So erfahren wir die Lebensgeschichten der Dienerin Taurisa, des Barbaren Antonio und seiner Familie, des Tanzlehrers Rutilio, des Astrologen Mauricio sowie seiner Tochter Tansila und ihres Ehemanns Ladilao, von der alternden Königskonkubine Rosamunda und dem an sie geketteten Clodio, Englands größtem Lästermaul. Am schlimmsten traf mich jedoch Manuel de Sosa Coitinos Geschichte, denn nachdem er über Seiten hinweg von seiner tragischen Liebe zur reichen Nachbarstochter berichtet und dabei nur so dahin schmachtet, stirbt er einfach weg. Von Zielstrebigkeit kann hier jedenfalls nicht die Rede sein.

Ebenso geht es im zweiten Teil weiter. Hier landet ein Großteil der Geflohenen am Hofe von König Polykarp. Nach lüsternen Barbaren, potenten Matrosen und liebestollen Kumpanen hat es die wunderschöne Auristela nun auch noch mit einem geilen alten Monarchen zu tun. So ziemlich jeder Mann scheint der unbeschreiblich schönen, wie intelligenten und sanftmütigen Venus an die Wäsche zu wollen. Das wird nicht nur für Auristela ermüdend, sondern auch für den Leser. Ihr in Schönheit wie Klugheit kaum nachstehend, wird Periandro ebenfalls immer wieder Opfer von Anschmachtungen.

Wer sich diese prämierte Ausgabe von Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda zu Gemüte führen möchte, der sollte dem Buch etwas Freiraum zur Entfaltung gönnen. Es ist definitiv keine Literatur, die man einfach fix hintereinander weg liest. Genau hier lag wahrscheinlich auch mein Problem, denn ich hatte schlichtweg etwas anderes erwartet. Die Kapitel sind jedoch angenehm kurz gehalten und waren wunderbar während der Straßenbahnfahrt zu bewältigen. Die Sprache ist, wie es sich für einen Klassiker gehört, angenehm altertümlich, aber dennoch gut verständlich. Sie war es, die mich über einige inhaltliche Durststrecken hinwegtrösten konnte.

Wer also ein Fan der klassischen Literatur mit Sitzfleischpotential ist und auch vor inhaltlichen Unklarheiten nicht zurückschreckt, dem wird dieses Werk bestimmt gefallen. Ich werde es erstmal zur Seite legen und in ein paar Monaten erneut intensiver anschauen. Vielleicht werden wir ja doch noch Freunde. In das Cover habe ich mich jedenfalls von der ersten Sekunde an verliebt.

Hiermit endet leider schon unser spanischer Ländermonat. Wir wurden in abenteuerliche Gewächshäuser und gruselige Labyrinthe entführt, von verheißungsvollen Tangos betört, haben mit gepeinigten Kathedralbauern und unterdrückten Ehefrauen gelitten, mit Mönchen nach magischen Amuletten gesucht und sind mit Bloggern vor Zombies geflüchtet. Ich würde sagen, dass wir viel erlebt haben. Im Januar geht unsere literarische Reise dann weiter Richtung Indien.

Karoline

Autor: Miguel de Cervantes
Buchtitel: Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda
Übersetzung: aus dem Spanischen von Petra Strien
Verlag: Die Andere Bibliothek

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