Aufruf zur Selbstdiagnose!

© Foto: Ilke, 2017

Meist sind es meine Inkunabel-Kollegen, die mir von lesenswerten Büchern vorschwärmen, bei denen ich mir denke: Das will ich jetzt aber lesen! Besonders Karo hat sich mit der Zeit zu meiner regelrechten Dealerin entwickelt und versorgt mich häufig mit neuem Lesestoff, auf den ich von allein nie gekommen wäre.
Es ist schon wieder eine ganze Weile her, dass sie mir spontan Passagen aus Die narzisstische Gesellschaft von Hans-Joachim Maaz vorlas. Ehe wir es uns versahen, hatte sich eine spannende Diskussion entsponnen. Es ging um Familie, diverse prägende Erlebnisse als Kind und darüber, wie seltsam wir doch heute noch alle ticken. Ihr merkt, wonach das förmlich schreit? Ganz richtig, nach einer Rezension. Here we go.

Zunächst einmal sei vorangestellt, dass der Autor des Buches, Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker ist. Als „Mann vom Fach“,  weiß er damit genau, wovon er spricht und worauf er hinaus will. Entsprechend ist dieses Psychogramm zum Thema Narzissmus sehr stringent aufgebaut und entwickelt sich ganz organisch vom Kleinen ins Große. Zielgerichtet führt er den Leser von der Legende des Narziss, über Begriffserklärungen, Anzeichen, Folgen und Umgang mit narzisstischen Störungen bei Einzelpersonen hin zu seiner Gesellschaftskritik, im Zuge derer er unsere Demokratie als narzisstisches Konstrukt entlarvt.

Das Buch umfasst etwas mehr als 230 Seiten sowie am Ende den authentischen Lebensbericht eines narzisstisch veranlagten Menschen. Die 26 Kapitel sind recht kurz gehalten und reißen wichtige Unterthemen eher an. Zunächst präsentiert der Autor dem Leser die Definitionen der zwei krankhaften Ausprägungen von Narzissmus, Größenselbst und Größenklein. Beide versuchen, den in früher Kindheit erfahrenen Liebesmangel in ihrem Erwachsenenleben auszugleichen. Während der eine suchtartig nach Anerkennung und Bewunderung strebt, um seine Wichtigkeit zu bestätigen, macht sich der andere absichtlich klein, um stetig Hilfe zu erhalten, richtet sich also in einer Opferrolle ein. Hier werden Verhaltensmuster aufgezeigt, denen der Leser im Umgang mit seinen Mitmenschen sicher bereits begegnet ist.

Später im Buch behandelt der Autor dann Narzissmus in der Pubertät sowie den Umgang mit dem Leiden innerhalb der Partnerschaft, Elternschaft oder im Sexualleben. Immer wieder schlägt Herr Maaz den Bogen zu unserer Gesellschaft und enthüllt den Narzissmus in Politik und Wirtschaft, sodass es einem irgendwann kalt über den Rücken läuft. Dieses Buch provoziert und sollte mit seinen mannigfaltigen Aha-Effekten für reichlich Diskussionsstoff sorgen. Allein die Ansätze zur Selbstdiagnose für verkappte Hypochonder – wunderbar.

Zwei kleine Kritikpunkte zu diesem Sachbuch möchte ich trotz allem anmerken. Zum einen fehlten mir hier und da einige Belege und Statistiken für die Behauptungen des Autors. Beispielsweise, wenn er einfach in den Raum stellt, ein Großteil der partnerschaftlichen Beziehungen würden aufgrund narzisstischer Störungen scheitern. Da vermisste ich dann wieder etwas den theoretischen Unterbau, also Statistiken, Literaturverweise etc. Zum anderen war ich  vom Schreibstil des Autors nicht sonderlich begeistert. Einige Begrifflichkeiten, wie Kollusion, oder sogar Wendungen wurden mir zu inflationär verwendet. Insgesamt haute mich der eher trockene, etwas belehrende Schreibstil nicht wirklich vom Hocker, wie man so schön sagt. Dran geblieben bin ich aufgrund der spannenden Thematik und der wunderbaren Gliederung. Doch ich möchte ebensowenig verhehlen, dass das Buch selbst für Einsteiger ins Thema gut lesbar und verständlich ist. Im Grunde meckere ich also auf hohem Niveau.

Die Vorgehensweise des Autors weckte bei mir Interesse am Thema. Hierbei waren seine Ausführungen gerade noch detailliert genug und mit Beispielen belegt, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Trotzdem wäre ich an einigen Stellen gern noch tiefer in die Materie eingetaucht. Das ist allerdings gar kein Problem, denn Herr Maaz ist offenbar recht produktiv und hat sich in weiteren Büchern diverse Einzelaspekte herausgepickt. Perfekt.
Die narzisstische Gesellschaft hat mir auf jeden Fall Lust gemacht auf Die Liebesfalle, das vertiefende Buch des Autors bezüglich Sexualität und Beziehungskultur. Klingt das nicht äußerst vielversprechend?

Katrin

Autor: Hans-Joachim Maaz
Buchtitel: Die narzisstische Gesellschaft – Ein Psychogramm
Verlag: dtv

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.