Ein Kaiserreich für ein Pferd

Im Schatten des Himmels Cover

© Foto: Bettina, 2017

Der kanadische Autor Guy Gavriel Kay wurde mir nun schon so häufig empfohlen, dass sein Name aus Versehen schon mehrfach auf meiner Leseliste gelandet ist. Konnte ich mich bis jetzt aber nicht wirklich dazu aufraffen einen seiner historisch inspirierten Fantasyromane zu lesen, hat mir das jüngst übersetztes Buch Im Schatten des Himmels die Entscheidung leicht gemacht. Denn wer wird schon bei einem Klappentext, der ein Abenteuer im antiken China verheißt, nicht hellhörig? Ich war sofort Feuer und Flamme!

Nach dem Tod seines Vaters entschließt sich Sheng Tai dazu seine Trauerzeit damit zu verbringen, die rastlosen Toten auf einem alten Schlachtfeld am Ende des Kaiserreiches zu begraben. Nach zwei Jahren nahezu absoluter Abgeschiedenheit wird er von einer unglaublichen Nachricht wieder ins Leben gerissen: Die Prinzessin eines benachbarten Königreiches hat ihm für seine noble Aufgabe sardianische Pferde zum Geschenk gemacht. Diese Tiere sind derart kostbar, dass schon eines ein unglaublicher Schatz ist, denn das ganze Land ist förmlich von ihnen besessen. Tai besitzt nun aber gleich Hunderte der begehrten Kostbarkeiten. Generäle, Gouverneure, Statthalter und der kaiserliche Hof, jeder will die Pferde für seine Zwecke gewinnen und Tai muss um sein Leben fürchten. So schnell als möglich macht er sich in Begleitung von Wei Song, einer cleveren Kanlin-Kriegerin und später auch Sima Zian, einem weithin verehrten Dichter, auf den Weg nach Xi‘an, um die Pferde dem Kaiser zum Geschenk zu machen.

In seinen stattlichen 700 Seiten schafft Im Schatten des Himmels es gleich mehrere Bücher in sich zu vereinen: den Fantasyschmöker, den subtilen Intrigenroman und die atmosphärische Reisegeschichte. Übernatürliche Elemente setzt der Autor dabei trotz des Fantasygenres im Allgemeinen sehr sparsam ein. Einzig in der Geschichte von Tais Schwester Li-Mei, die als Braut auf dem Weg zu einem der Nomadenführer des Nordens ist und in einigen von Tais eigenen Erlebnissen tauchen Geister oder schamanische Magie auf. Außerdem sollte man trotz der Dringlichkeit der Reise der Gefährten nach Xi‘an kein atemloses Erzähltempo erwarten. Die Geschichte entwickelt sich stetig, aber geruhsam weiter. Häufig werden in die Geschehnisse aus der Gegenwart kurze Erinnerungen aus der Vergangenheit der Erzähler eingestreut oder ein Einblick in das Denken einer Randfigur gegeben. Beides trägt dazu bei, dass die Protagonisten vielschichtig wirken und die Welt, in der sie sich bewegen, lebendig erscheint.

Guy Gavriel Kay ist ein absoluter Experte darin sein Werk mit einer unvergleichlichen Stimmung zu füllen. Er fängt die Eigenheiten der Epoche der chinesischen Geschichte, die Grundlage für seine Erzählung ist, geradezu mühelos ein. Obwohl niemals Details eingebunden werden nur um sein Wissen zu demonstrieren, wird doch klar welche umfassende Recherche nötig war, um die Welt derart erlebbar zu machen. Die politischen Machenschaften, die sich mal unterschwellig, mal offensichtlich durch das ganze Buch ziehen, fesselten mich durchgehend an die Lektüre. Wenn sich langsam aber sicher die Spannungen zwischen dem mächtigen, aber rebellischen General An Li, dem neuen ersten Minister Wen Zhou und der berühmten Lieblingskonkubine des Kaisers Wen Jian auftun, vermutet man als Leser hinter jeder Geste eine doppelte Bedeutung.

Dass die Geschehnisse dabei sehr glaubhaft wirken liegt nicht zuletzt daran, dass der Autor seine Geschichte auf den wirklichen Ereignissen der An-Lushan-Rebellion während der Tang Dynastie aufbaut. Eingefleischte Liebhaber des historischen Romans ziehen es vielleicht vor, über ein solches Thema vor realem Hintergrund erzählt zu bekommen. Allen anderen kann ich Im Schatten des Himmels nur ausdrücklich empfehlen. Wer es dann gelesen hat, kann sich, gemeinsam mit mir, schon mal in die Reihe derer stellen, die sich auf das nächste Buch von Guy Gavriel Kay freuen. Am Fluss der Sterne lässt uns hoffentlich nicht mehr lange warten.

Bettina

Autor: Guy Gavriel Kay
Buchtitel: Im Schatten des Himmels
Übersetzung: aus dem Englischen von Birgit Maria Pfaffinger und Ulrike Brauns
Verlag: Fischer Tor

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