Das hab ich toll gemacht, oder? Bewundert mich!

Weiblicher Narzissmus Cover

© Foto: Katrin, 2017

Mitunter bleibe ich gedanklich an etwas hängen und habe dann das Bedürfnis, ein wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Wenn das Thema Narzissmus mich gerade derart interessiert, warum sich auch dagegen wehren? Dementsprechend folgt nach meiner Oktober-Rezension zu Hans-Joachim Maaz’ Die narzisstische Gesellschaft nun ein weiteres Buch mit verwandter Thematik: Weiblicher Narzissmus von Dr. Bärbel Wardetzki. Anfangs war ich stark versucht, beide Sachbücher miteinander zu vergleichen. Allerdings stellte ich während des Lesens fest, dass dies nur bedingt funktioneren kann. Denn Wardetzkis Fokus liegt eindeutig auf dem narzisstischen Verlangen nach Lob und dem Bedürfnis nach der eigenen Besonderheit.

Auf etwas mehr als 300 Seiten führt uns die Autorin den spezifisch weiblichen Narzissmus am Beispiel essgestörter Frauen vor Augen. Der Untertitel des Sachbuches, Der Hunger nach Anerkennung, ist hierbei ihr Leitmotiv. Im ersten der vier Kapitel, „Weiblicher Narzissmus“, erklärt Bärbel Wardetzki zunächst das Konzept an sich und grenzt es gegen den männlichen Narzissmus ab. Der Leser bekommt es hier mit einer Theorie zu tun, die durchaus nicht allgemeingültig sein will, jedoch Tendenzen aufzeigt. „Was wir früh lernen, kann später zum Problem werden“ beschäftigt sich mit den Ursachen der narzisstischen Störungen. Dieses Kapitel fand ich besonders spannend, da es hier darum geht wie frühkindliche Prägung und Familie späteres Verhalten beeinflussen. In welchen Bahnen essgestörte Frauen häufig denken und ihre daraus resultierenden Handlungsmuster werden im Abschnitt, „Ein Leben in Extremen“, eindrücklich geschildert. Schlussendlich geht es um „Therapie, Selbsthilfe und Heilung des Selbst“, was die Autorin mit Hilfe von Märchenmotiven nachvollziehbar macht.

Wardetzki bleibt stets ganz nah an den betroffenen Frauen und lässt diese häufig selbst zu Wort kommen. Daher ist das übergreifende Thema Narizssmus immer direkt an die Betrachtung der Essstörungen gekoppelt. Anfangs störte, ja irritierte mich dieses Vorgehen etwas, denn ich empfand die Abhandlung dadurch als zu spezifisch. Immerhin geht es um Extreme und ganz konkrete Krankheitsbilder, deren Ursache ein in früher Kindheit verwurzelter Narzissmus ist. Im Laufe des Buches lernte ich jedoch genau diese Verknüpfung zu schätzen. Gerade die von den Frauen geschilderten Gedanken verdeutlichten mir, dass sich narzisstische Tendenzen in vielerlei Formen äußern können. Kennt ihr dieses nagende Gefühl, nie zu genügen, immer die Beste, geradezu perfekt sein zu müssen – und zwar ohne, dass ihr dieses Ideal jemals erreicht? Neigt ihr dazu, euch in euren Beziehungen völlig anzupassen und aufzuopfern? Habt ihr Angst allein oder ohne Partner wertlos zu sein? Wenn euch irgendetwas davon latent bekannt vorkommen sollte, ist diese Lektüre genau das Richtige.

Die Unterschiede des Buches zu Die narzisstische Gesellschaft drängen sich dem Leser förmlich auf. Thematisch fokussiert sich Herr Maaz auf den Narzissmus als unabänderliche Charaktereigenschaft, die sich innerhalb unserer Gesellschaft auf diverse Arten manifestiert. Frau Wardetzki jedoch bearbeitet das Thema ausgehend von den genannten Krankheitsbildern und damit auf einer wesentlich persönlicheren Ebene. Dadurch ist ihr Buch nicht so provokant und kommt zum Einen etwas nüchterner daher, zum Anderen ist ihr Text jedoch fundierter und weniger oberflächlich. Insgesamt ist der leicht trockene, eher wissenschaftliche Schreibstil mit der locker-flockigen, elegant ausholenden Sprache in Hans-Joachim Maaz’ Buch nicht zu vergleichen. Verwunderlich ist dies nicht. Die Erstauflage des Buches erschien bereits 1991 und basiert auf Bärbel Wardetzkis Dissertation. Damals entwickelte sie bei der psychotherapeutischen Arbeit mit Bulimiepatientinnen in einer Klinik die geschilderten Konzepte und passte sie für diese Neuauflage an den aktuellen Stand der Wissenschaft an.

Angenehm aufgefallen ist mir, dass die den Essstörungen zugrunde liegenden narzisstischen Persönlichkeitsstörungen nicht als unheilbar angesehen werden. Wardetzki beschreibt sie im Gegenteil immer als etwas, an dem gearbeitet werden kann. Dieser Prozess mag sich langwierig gestalten oder sogar ein Leben lang anhalten, doch die im Buch vermittelte Botschaft ist positiver und klar: Ändere etwas! Darin stecken Hoffnung, Energie und Tatkraft. Genau diese Einstellung überzeugte mich am Ende.

Zunächst wollte mich die Lektüre einfach nicht so recht packen. Als jedoch das Thema Familie aufkam, begann ich zu reflektieren, inwieweit Menschen in meinem Umfeld und auch ich selbst ähnlichen Bedingungen ausgesetzt waren. Ich begann mich zu fragen, welche Auswirkungen diese Umstände wohl noch heute haben. Ab diesem Punkt war schlagartig mein Interesse geweckt. Selbst wenn Weiblicher Narzissmus extreme Ausprägungen behandelt, haben die vorgestellten Denk- und Verhaltensweisen häufig allgemeingültigen Charakter oder sollten vielen anderen Frauen zumindest ein Stück weit bekannt vorkommen. Insofern kann ich das Sachbuch all jenen empfehlen, die ihren Hunger nach Anerkennung, ihre Minderwertikeitskomplexe oder wiederkehrenden Beziehungsprobleme besser verstehen möchten. Unter Umständen erweist sich dieses Buch dann als wahrer Augenöffner.

Katrin

Autorin: Bärbel Wardetzki
Buchtitel: Weiblicher Narzissmus – Der Hunger nach Anerkennung
Verlag: Kösel

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