Alles bereits im Fenster gerahmt

Maudie

© Foto: Bettina, 2017

Erfordert ein Urlaub einen längeren Flug, freue ich mich schon vorher wie ein Schneekönig auf eine Sache: In-flight Entertainment. Nicht zuletzt, weil sich so eine unfassbar gute Gelegenheit bietet, um ganz schamlos all die Filme zu schauen, die ich bis jetzt im Kino verpasst habe. Bei der letzten Reise fiel mir dann in der Auswahl das Filmplakat für einen ganz besonderen Streifen auf. So kam es, dass ich über den Wolken flog und mir Maudie anschaute.

Maudie ist der Kosename von Maud Lewis, die für ihr Leben im Nova Scotia der 1930er Jahren nicht gemacht zu sein scheint. Leise-rebellisch versucht sie sich gegen mannigfaltige Hürden aufzulehnen, die ihr in den Weg gestellt werden. Das führt auch dazu, dass sie als nicht mehr junge, aber noch unverheiratete Frau einige Fehltritte in ihrer Vergangenheit vorweisen kann. Aber auch die rheumatische Arthritis, an der sie schon seit Kindertagen erkrankt ist, macht ihr das Leben schwer. Als der Jungeselle Everett Lewis im Laden des Dorfes eine Anzeige für eine Haushaltshilfe anpinnt, ergreift Maud die Möglichkeit, dem eingeschränkten Leben unter der Fuchtel ihrer Familie zu entkommen. Sie taucht auf Everetts Türschwelle auf und bleibt zäh, bis er ihr erlaubt sich an der Sache zu versuchen. Die beiden arrangieren sich miteinander und nach einer Weile kommt es zur Hochzeit. Trotz der Armut, in der sie dann lebt, drängt es Maud dazu sich weiter so auszudrücken, wie sie es schon immer getan hat: Indem Sie malt. Bald strahlen Farben von Wänden, Brettern und Möbeln des kleinen Hauses. Fast durch Zufall beginnt sie ihre kleinen Bilder und Postkarten erfolgreich zu verkaufen. Doch mit zunehmendem Alter setzt ihr die Krankheit mehr und mehr zu.

In Aisling Walshs Filmbiografie über die heute bekanntesten kanadischen Volkskünstlerin schlagen zwei Herzen. Das eine erzählt von Mauds Welt, ihrem Werdegang und ihrer Kunst. Dem Film gelingt es dabei ganz ausgezeichnet, seine Protagonistin lebendig werden zu lassen. Der ihr ganz eigene Blick auf die Welt durchdringt die schönen Bilder und in den prägnanten Dialogen blitzt immer wieder ihre sensible, aber doch etwas spröde Wesensart auf. Die Darstellung von Sally Hawkins ist dabei unvergleichlich gut. Sie verbindet mit ungeahnter Leichtigkeit die Zerbrechlichkeit der kleinen Frau mit ihrer frohen Natur und dem Willen, der sie alle alltäglichen Hindernisse meistern lässt. Als Maud eine erschütternde Nachricht bekommt, sagt das Gesicht von Sally Hawkins alles, was der Zuschauer wissen muss. Auch Ethan Hawke macht schauspielerisch einen guten Eindruck als Everett Lewis. Es ist schon eine Kunst, einen derart kühlen, schroffen und unsicheren Mann zu verkörpern. Denn mögen kann man Mauds Mann leider nicht wirklich.

Das ist auch die Krux beim zweiten Herz des Filmes, denn Maudie möchte ebenfalls ein Liebesfilm sein. Immer schwingen kleine Szenen zwischen den beiden in der Geschichte mit, die die Zuneigung von Maud und Everett zueinander bezeugen sollen. Manchmal klappt das, vor allem wenn in kurzen Momenten des Humors gezeigt wird, wie Maud ihren Mann im Gespräch genau dahin bewegt, wo sie ihn hin haben will. In wenigen Augenblicken zeigt sich Everett gar von seiner unterstützenden Seite. Doch die große Liebe kann und will ich dem Film nicht wirklich abkaufen. Immer wieder wird klar gemacht, wie abschätzig Everett Maud behandelt. Er erniedrigt sie, wenn er mit ihr spricht, beleidigt ihr Äußeres und bezweifelt ihre Fähigkeiten. Everett bestraft Maud geradezu dafür, dass sie nicht die ist, die er zu lieben erwartet hatte. Als er sie auch noch schlägt, glaube ich nicht mehr an die Liebe, die der Film trotz allem zu vermitteln versucht.

All diese Dramen spielen sich vor dem Hintergund der Landschaft von Nova Scotia ab, die Maud Lewis auch zum Zentrum ihres eigenen Werks auserkoren hatte. Die Rauheit der Natur, die meist widrigen Lebensbedingungen und die beeindruckende klare Schönheit der Umgebung bilden einen angemessenen Rahmen für das außergewöhnliche Leben der Malerin. Der Flieger hätte mich ruhig gleich dorthin bringen können, so stimmungsvoll ist der Landstrich eingefangen. Ironisch ist bloß, dass gar nicht Nova Scotia, sondern Irland und Neufundland für die Bilder des Films Pate gestanden haben. Macht nichts, so kann ich auch diese Orte nun durch die Augen von Maud Lewis sehen. Und Urlaub wäre da sicher auch ganz wunderbar.

Bettina

Regisseurin: Aisling Walsh
Filmtitel: Maudie
Erscheinungsjahr: 2017

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