“Achtung, ein Meteoritenschwarm!”

© Foto: Karoline, 2017

Science Fiction ist wieder schick! Spätestens seit den neuen Star Wars-Teilen und Blade Runner 2049 erfährt das Genre wieder volle Schubkraft Richtung Popularität. Dass sich unter uns so einige SciFi-Fans befinden, haben wir schon bei Lobeshymnen zu Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, Per Anhalter durch die Galaxis oder zum Universum der Firefly bewiesen. Da war es einfach eine Frage der Zeit bis ein Urvater des SciFi auf der Bildfläche erscheint: Stanisław Lem. Doch können 50 Jahre alte Weltraumabenteuer in der heutigen Zeit überhaupt noch authentisch sein? Pilot Pirx zeigt uns wie es geht.

In einer Reihe von zehn Geschichten lernt der Leser den sympathischen Antihelden Pirx kennen. Wieso ein Antiheld? Weil auch er seine Fehler hat, weil er ein Held im Kleinen ist, weil er eigentlich nie die Anerkennung erhält, die er eigentlich verdient hätte. Die Geschichten sind chronologisch angeordnet, der Leser kann also wunderbar verfolgen wie aus einem chaotischen Kadetten ein gefragter und erfolgreicher Pilot wird.

Besonders die erste Geschichte namens Test hat es mir angetan. Auf sehr humorvolle Art lernte ich den verträumten Kadetten Pirx kennen. Statt im Unterricht aufzupassen, verwendet er seine Gedanken auf das mutmaßliche Stück Geld in seiner Freizeithose. Da lässt die bohrende Frage des Lehrers nicht lange auf sich warten.


“Was täten Sie, Kadett, wenn Sie bei einem Patrouillenflug auf das Schiff eines fremden Planeten stießen?” […]
“Ich würde stoppen”, platzte Kadett Pirx heraus, denn er fühlte, dass er im Niemandsland umhertappte, weit vor der vordersten Linie seiner Kenntnisse. […] Bescheiden senkte er den Blick und sah, dass Smiga ihm etwas vorsagen wollte – er bewegte dabei nur die Lippen. Pirx begriff und wiederholte laut, bevor ihm der Sinn der Worte klar wurde:
“Ich würde mich ihnen vorstellen.”
Das Auditorium brüllte wie ein Mann.

Stanisław Lem, Pilot Pirx, S. 7 f.

Es sind die zeitlosen menschlichen Angewohnheiten, die mich immer wieder an diesem Buch faszinierten. Pirx ist daher auch heute noch eine glaubwürdige Figur. Da fällt eben bei der Flugprüfung mal der Spickzettel aus dem Ärmel, da treibt einen eine dumme Fliege in den Wahnsinn. Pirx stolpert, träumt, schummelt – und erinnert mich dabei so sehr an mich selbst, dass ich ihn nur gernhaben kann.

Doch wer denkt, dass die Geschichten alle humorvoll und seicht vor sich hin plänkeln, der täuscht sich gewaltig. Es gibt mehr als einen mysteriösen Todesfall im All, der untersucht werden will (Der bedingte Reflex und Die Patrouille), Raumschiffkatastrophen, die an das Sinken der Titanic erinnern (Albatros) und immer wieder rätselhafte Vorkommnisse bei Robotern und Computern (Terminus, Die Jagd, Ananke). Sind sie nun Freund oder Feind? Haben sie Gefühle und eigene Gedanken? All das nimmt Lem genauestens unter die Lupe. Je älter Pirx wird, desto mehr setzt er seinen gesunden Menschenverstand ein, um Probleme zu lösen. Während neun der zehn Geschichten von einem allwissenden Erzähler formuliert sind, so darf in Pirx erzählt die Hauptfigur auch endlich selbst einmal zu Wort kommen. Diese Vielschichtigkeit sorgt fortwährend für Abwechslung und lässt keine Langeweile aufkommen. Wer braucht da schon Aliens?

Besonders beeindruckend finde ich, dass Stanisław Lem anfing, sich diese Abenteuer auszudenken, bevor Neil Armstrong den ersten menschlichen Fuß auf den Mond setzte. Da kann man das gelegentlich ausufernde Fachgesimpel über Raumfahrtkommandos und Technik durchaus verschmerzen. Ich wusste es als ein Zeichen überbordender Fantasie zu schätzen. Es sorgt für den seriösen Anstrich. Als ich dann genauer nachlas und feststellte, dass er sogar die Nanotechnologie und die Virtual Reality vorhergesagt hatte, war ich umso beeindruckter.

Wer das Science-Fiction-Genre genauso liebt wie wir, dem kann ich dieses kleine Meisterwerk nur wärmstens empfehlen. Und falls euch das nicht reicht: Im Roman Fiasko erfahren wir wie es nach dem Geschichtenband mit Pirx weiterging. Der steht natürlich schon auf meiner Liste.

Karoline

Autor: Stanisław Lem
Buchtitel: Pilot Pirx
Übersetzung: aus dem Polnischen von Roswitha Buschmann, Kurt Kelm, Caesar Rymarowicz und Barbara Sparing
Verlag: Suhrkamp

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