Wann treffen wir uns dieses Mal?

© Foto: S. Fischer Verlage, 2017

Etliche Jahre ist es her, dass ich auf der Suche nach Reiselektüre kurzentschlossen in die Neustädter Bahnhofsbuchhandlung in Dresden stürmte. Dort entdeckte ich als hübsches Taschenbüchlein den Science-Fiction-Liebesroman Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger. Nun ist romantische Lektüre im Allgemeinen nicht unbedingt meine Sache. Aber tatsächlich brachte mich der abgefahrene Nachname der Autorin in Verbindung mit der Zeitreise-Thematik dazu, den Roman zu erwerben. Damals ahnte ich allerdings noch nicht, dass ich ihn immer wieder lesen und schließlich zu einem meiner absoluten Lieblinge küren würde.

Es ist das Jahr 1991. Der attraktive Henry DeTamble ist 28 Jahre alt und Bibliothekar in der Chicagoer Newberry Library. Aufgrund einer mysteriösen Erbkrankheit strandet er ungewollt immer wieder in Vergangenheit und Zukunft: allein, nackt und völlig ungeplant. Aus der Not heraus ist der Zeitreisende deshalb ein zwielichtiger Überlebenskünstler. Die 20-jährige Clare Abshire hingegen ist eine kultivierte Botticelli-Schönheit aus gutem Hause. Sie hat vornehm blasse Haut, wildes rotes Haar und ist leidenschaftliche Papierkünstlerin. Als Henry sie das erste Mal sieht, scheint sie alles über ihn und ihr baldiges gemeinsames Leben zu wissen. Ab diesem Zeitpunkt treffen sich die beiden in seiner Zukunft und ihrer Vergangenheit, wobei jede der Begegnungen sie noch enger aneinander bindet. Zusammen erleben sie schöne, aber auch schwierige Zeiten, können jedoch nicht voneinander lassen. Ganz egal, wie oft es Henry aus der Gegenwart reißt, immer wird Clare darauf warten, dass er unversehrt zu ihr zurückkehrt.

Insgesamt umspannt die Kernhandlung gut 85 Jahre, von Henrys erster Zeitreise als Fünfjähriger im Jahr 1968, über sein erstes Zusammentreffen mit Clare im Jahr 1977 (er ist 36 Jahre alt und sie sechs Jahre), über ihre erste Begegnung als Erwachsene in der Gegenwart 1991, bis hinein in die Zukunft im Jahr 2053. Das klingt irgendwie regelrecht herausfordernd? Das ist es tatsächlich! Beim Lesen habe ich mich mehr als einmal gefragt, wie die Autorin verflixt nochmal die Übersicht bewahren konnte. Wie viele Flipcharts oder Zimmerwände hat sie wohl mit Zeitreise-Grafiken bemalen müssen, um nicht durchzudrehen? Ganz ehrlich: ich fand das beim ersten Lesen schlichtweg bewundernswert.

Der Clou an dem Buch ist, wie clever die Reise durch die Jahrzehnte mit den wechselnden Erzählperspektiven verknüpft ist. Mit Clare erlebt der Leser eine stringente Zeitlinie, die als roter Faden durch das Buch führt. Sie beginnt im Jahr 1991, als die beiden endlich in der Gegenwart aufeinander treffen. Gemeinsam mit ihr begegnen wir dem Zeitreisenden und erleben fortan, wie er immer wieder unvermittelt verschwindet und diese wilden Zeitsprünge dann aus seiner eigenen Perspektive beschreibt. In welchem Jahr er landet, wie lange er dort bleibt und wie alt er gerade ist, scheint willkürlich zu sein, doch bei Reisen in Clares Vergangenheit bewegt er sich im Laufe des Buches an ihrer Zeitlinie entlang. Bei jedem Treffen zwischen Henry und Clare ist sie etwas älter, während sein Alter variiert. So können zum Beispiel einige Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit in seiner Zukunft liegen. Das kann einem schon manchmal den Kopf verdrehen, sorgt jedoch für eine Spannungskurve, die mit jedem Puzzleteil an Information weiter ansteigt. Allein wegen dieser verrückten Struktur lohnt sich ein zweiter Lese-Durchgang. Bloß gut, dass jedem Abschnitt die Zeit und das Alter der Protagonisten vorangestellt sind.

Die Hauptcharaktere haben viele Ecken und Kanten. Obwohl Henry grundsätzlich ein recht friedlicher Kerl ist, zwingt ihn seine Zeitreise-Krankheit dazu, sich auf fremdem Terrain mit Beschaffungskriminalität durchzuschlagen. Clare wiederum leidet unter den ständigen Trennungen von Henry. Vor lauter Ungewissheit und Angst kommt sie häufig etwas anspruchsvoll und anstrengend rüber. Doch das ist vollkommen verständlich. Zudem ist jede Nebenfigur ein wichtiger Faden im Netz der Geschichte, ob dies nun Henrys Eltern oder Clares beste Freunde sind. Der antikapitalistische, zigarettensüchtige Gomez und die aufgedrehte Aktionskünstlerin Charisse zählen ohnehin zu meinen Favoriten und spielen eine zentrale Rolle in der Erzählung.

Die Sprache des Buches ist genauso facettenreich, wie seine Charaktere und spart nichts aus. Es gibt herzzerreißende Stellen, derbe Leidenschaft, intellektuelle Gespräche, Schilderungen hemmungsloser Brutalität, unglaublich zynische oder zarte Passagen, bedrückende Traurigkeit und beflügelnde Euphorie. Vor allem aber steckt  Die Frau des Zeitreisenden voller Sehnsucht. Es ist ein Liebesroman mit vielen wunderbaren Figuren und wissenschaftlichen Einsprengseln. Meist lese ich ihn im Herbst oder Winter, wenn ich mal wieder in Stimmung dafür bin, ein wenig Melancholie in mein Herz zu lassen, zu schmachten und ein paar Tränen der Rührung vergießen möchte. Ich liebe es genauso, wie ich es verabscheue – was auch der Grund ist, aus dem ich es immer wieder lese. Und da gerade Winter ist, empfehle ich euch das Buch wärmstens.

Katrin

Autorin: Audrey Niffenegger
Buchtitel: Die Frau des Zeitreisenden
Übersetzung: Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag

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2 Gedanken zu “Wann treffen wir uns dieses Mal?

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