Samstagshäppchen: Wer strangulierte Belle de Jour?

© Foto: Karoline, 2017

Mein Buchhändler des Vertrauens und ich haben einen Deal. Naja, eigentlich ist es eine recht einseitige Geschichte. Ich möchte nichts Geringeres als die Empfehlungen der einprägsamsten Bücher, die er in seiner Karriere gelesen hat. Er bekommt dafür meine ewige Dankbarkeit. Die grauen Seelen von Philippe Claudel ist eines davon. Schmal und recht unscheinbar kommt es daher, doch der Schein kann bekanntlich trügen.

Wir befinden uns im 1. Weltkrieg. In Frankreich wütet unweit des kleinen Örtchens V. der grausame Stellungskampf. Die Einwohner haben jedoch Glück, denn durch die Arbeit in der Fabrik sind sie vom Militärdienst freigestellt. So gut wie alle Männer sind also noch vor Ort, als eines Nachts ein grausamer Mord geschieht. Zu Lebzeiten dank ihrer Schönheit nur Belle de Jour genannt, ist der Tod der 10-jährigen Tochter des örtlichen Gastwirts ein Drama für alle. Der Dorfpolizist macht sich auf die Suche nach Hinweisen und begegnet dabei allerlei mysteriösen Gestalten. Wird er das Rätsel lösen können?

Der nur 253 Seiten dünne Roman ist aus der Sicht des Dorfpolizisten geschrieben, der Jahre später beginnt seine Memoiren zu notieren. Da fast alle Beteiligten der „Affaire“ bereits gestorben sind, versucht er auf diese Art sein Gewissen zu entlasten. Eigentlich ist der Tod des kleinen Mädchens auch nur ein Aufhänger für sehr gelungene Charakterstudien, die weit mehr Anteile am Buch haben, als der eigentliche Mordfall. Ob nun der lüsterne Bürgermeister, die betörende neue Lehrerin mit dem Geheimnis, das Ekel-Duo Richter und Militärführer oder der traurige Staatsanwalt. Alle Figuren, selbst der Polizist, werden in ihren Schattierungen und Grautönen beleuchtet. Die schlichte und doch wunderschöne Sprache, die teilweise wie eine Märchenerzählung anmutet und die Weltkriegskulisse im Winter, sorgen für eine ganz besondere Stimmung. Oft musste ich unwillkürlich an das düstere Sleepy Hollow denken, auch wenn diese Geschichte hier weit unblutiger vonstatten ging.

Die grauen Seelen ist kurzweilige Lektüre voller Emotionen und aufwühlender Schicksale. Nach einer anfänglichen Aufwärmphase, die ich brauchte um zu verstehen, dass der Mord nicht das alleinige Thema ist, verschlang ich dieses Buch innerhalb weniger Stunden und wurde emotional aufgewühlt zurückgelassen. Das ist es doch, was man sich von einem richtig guten Buch wünscht, oder?

Karoline

Autor: Philippe Claudel
Buchtitel: Die grauen Seelen
Übersetzung: Aus dem Französischen von Christiane Seiler

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

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