Ich heirate, ich heirate nicht …

© Foto: S. FISCHER Verlag, 2018

Das neue Inkunabel-Jahr beginnt besonders spannend, denn als echte Weltenbummler im Geiste verschlägt es uns den gesamten Januar nach Indien. Meine Wahl fiel recht schnell auf einen Roman, der schon beim ersten Lesen vor über zehn Jahren einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Eine gute Partie des bekannten Autors Vikram Seth. Allerdings hatte ich völlig verdrängt, dass dieses Familienepos mit über 1.900 Seiten ein echtes Schwergewicht ist. Glücklicherweise werde ich guter Dinge nie so schnell überdrüssig.

Die Hochzeit ihrer wunderschönen Tochter Savita ist eben noch in vollem Gange, da sorgt sich Mrs. Rupa Mehra bereits um einen passenden Heiratskandidaten für ihre jüngste, nicht ganz so spektakuläre Tochter. Immerhin ist Lata schon 19 Jahre alt und es gilt den perfekten Ehemann für sie zu finden: aus der passenden Kaste, wohlhabend und möglichst hellhäutig. Lata hat es jedoch mit einer Heirat ganz und gar nicht eilig. Die intelligente junge Frau genießt die mit ihrem Studium verbundenen Freiheiten, wozu eine arrangierte Ehe gar nicht passen will. Ihre ängstliche, sparsame Mutter allerdings, seit Jahren alleinerziehend und auf die Unterstützung der Famlie angewiesen, weiht kurzerhand ihr gesamtes Umfeld in die Heiratspläne ein. Nicht nur der älteste, dünkelhafte Bruder Arun wird dafür eingespannt, auch der herrische Großvater Dr. Kishen Chand Seth soll sich nach einer passenden Partie umsehen. So kommt es, dass wie aus dem Nichts ganz verschiedene Männer um die widerspenstige Lata werben. Zur Wahl stehen zum Beispiel ein zwar wohlhabender, doch leicht entrückter Dichter oder ein armer, aber beruflich ehrgeiziger Moslem. Bis Lata sich entschieden hat, ist das ruhige Leben der Familie Mehra erst einmal vorbei …

Dieses Buch erneut zu lesen, hat sich wirklich gelohnt. Die groben Züge der Handlung waren mir selbst nach all der Zeit noch präsent. Entfallen war mir allerdings, wie komplex die Verstrickungen der Charaktere sind. Im Zentrum der Geschichte steht Familie Mehra um die leicht melodramatisch gepolte Mutter Rupa. Nach und nach erhält der Leser jedoch Einblick in die Familie Kapoor, in welche Latas Schwester Savita eingeheiratet hat, die mit ihnen befreundeten Khans sowie die ziemlich verschrobenen Chatterjis, aus der sich wiederum Latas ältester Bruder Arun seine Braut erwählt hat. Dadurch wimmelt es in der Erzählung vor gegenseitigen Eifersüchteleien, geheimen Absprachen, tief schwelenden Streitigkeiten, Freundschaft, Rachsucht, gegenseitiger Hilfsbereitschaft, politischen Ränken und vor allem Liebe in all ihren Facetten.

Die Familien entstammen unterschiedlichen Kasten und versuchen im Indien um 1950, nach Abzug der Engländer, über die Runden zu kommen. Aus den großen Umwälzungen gehen einige als Gewinner, andere als Verlierer hervor und haben dann ganz unterschiedliche Lebensstile und Einstellungen. Daraus ergibt sich mannigfaltiges Konfliktpotential. So zieht man übereinander her, kann jedoch auch nicht ohne einander. Gerade weil die Charaktere und ihre Motive sorgfältig ausgearbeitet sind, kann man sich gut in ihren Situationen wiederfinden. Die ausgewogene Darstellung der Figuren macht den Text unterhaltsam und motiviert zum Weiterlesen. Diskutiert werden der Umgang mit Geld, die Rolle der Frau, die Pflichten der Söhne, die richtige politische Einstellung oder das allgemeine berufliche Fortkommen, um nur einige zu nennen. Jedes Thema wird an Figuren gekoppelt, durch die der Leser Land und Leute besser kennenlernt. Wegen dieser Verknüpfungen von Themen und Personen ist die Handlung sehr dicht und es macht unglaublich viel Spaß, das Geschehen zu verfolgen. Allerdings muss man beim Lesen ziemlich wach bleiben, um nicht den Faden zu verlieren.

Die Hauptfigur Lata hat inmitten dieses Chaos definitiv ihren eigenen Kopf. Enschlossen wehrt sie sich gegen die Einmischungen aller vier Familien in ihr Leben. Dabei wird klar, wie vernünftig sie ist und welchen Kontrast sie zu manch anderen bildet. Mein Liebling ist trotzdem Mrs. Rupa Mehra. Die Frau ist herzensgut und im Grunde eine echte Lebenskünstlerin. Wie sie versucht, alles zusammenzuhalten und mit ihrer übermäßig emotionalen Art immer wieder quer schlägt, ist stets vergnüglich.

Am Ende habe ich das Buch auch dieses Mal äußerst zufrieden zugeklappt. Glück und Leid, Armut und Reichtum, Zuneigung und Tränen sind hier zu einem wahren Geschichtenteppich verknüpft, den ich sehr genossen habe. Dank der vielschichtigen Sprache und gelungenen Übersetzung hat es einfach Freude bereitet, mich in das Leben der vier verschiedenen Familien zu vertiefen. Der Roman ist ursprünglich zwar bereits vor über 20 Jahren auf Englisch erschienen, doch hat er bis heute nichts an Unterhaltsamkeit eingebüßt. Diese wunderbar sinnliche, farbenprächtige Erzählung ist für alle Leseratten eben wirklich Eine gute Partie.

Katrin

Autor: Vikram Seth
Buchtitel: Eine gute Partie
Übersetzung: Aus dem Englischen von Anette Grube
Verlag: Fischer Taschenbuch

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