Werdegang eines Gangsters

© Foto: Kristina, 2018

Inspektor Sartaj Singh erhält eines Tages einen anonymen Anruf. Er wird gefragt, ob er den berüchtigten und meistgesuchten Gangster Indiens, Ganesh Gaitonde, schnappen will. Damit kann das Katz und Maus-Spiel beginnen.

Denkste!


Achtung Spoiler!

Bereits nach 65 der 774 Seiten ist der Schurke tot. Selbstmord. Ich war ein wenig ratlos, ich hatte wieder einmal ein Buch vor der Nase, an welches ich mit völlig anderen Erwartungen herangegangen war.  Was sollte jetzt noch kommen?

In dem Wälzer geht es eben nicht darum,  Gaitonde zu schnappen. Vielmehr geht es um die Geschichte, wie er zu dem geworden ist, der er war, und um die große Frage, was er in Mumbai (das ja bekanntermaßen bis 1996 noch Bombay hieß) wollte. Gaitonde hatte nämlich eine lange Zeit im Ausland gelebt. So ermittelt Singh fleißig vor sich hin und verfolgt die Spuren bis nach Bollywood. Unterbrochen wird das Ganze von Ausflügen in Gaitondes Vergangenheit. Wie er an Gold kommt, wie er an Bauland kommt, wie er eine Wahl gewinnt, wie er angeworben wird und erneut angeworben wird und und und.

Zusätzlich zu diesen natürlich absolut unerlässlichen, detaillierten Berichten werden immer mehr Nebengeschichten, die in aller Breite erzählt werden müssen (waaaruuuuum????) gesponnen. Die von der Familie des Ermittlerkollegen Katekar, die von der Schwester einer weiteren Leiche, die von Singhs Mutter. Außerdem taucht noch ein Geheimagent auf, der auch noch eine unbedingt berichtenswerte Vergangenheit hat … Ich habe nach dem quälenden Lesen verteilt über einen Monat den Überblick verloren.
Was neben den vielen Informationen auch an der suboptimalen Kapitelstruktur liegt. Abgesehen von den Kapiteln zu Gaitondes Werdegang sind die anderen wild durcheinander. Dabei fällt mir ein: eine potenzielle Liebesgeschichte musste natürlich auch noch rein!

Der Autor (oder der Verlag) hat allerdings guten Willen gezeigt: Am Ende finden sich ein dreiseitiges Personenverzeichnis sowie ein 17-seitiges Glossar, vollgepackt mit indischen Begriffen, über die man beim Lesen stolpern könnte. Diese muss man darin dann aber auch erstmal finden, wodurch man immer wieder fast aus der Geschichte rauskommt und sich fragt,  um wen oder was es gerade eigentlich ging.

Ich mag gar nichts weiter zur Geschichte erzählen, denn aufgrund der ganzen Verstrickungen und dem vernichtenden letzten Satz „Der Roman findet seine Fortsetzung in Bombay Paradise“, ist man am Ende kein bisschen schlauer. Man hat nach 774 Seiten vielleicht ein My einer Ahnung, wohin das Ganze führen könnte, aber mit Blick auf die 576 Seiten des zweiten Teils war mir die Auflösung herzlich egal.

Dies ist nun also so gar keine Empfehlung meinerseits für euch, mir wäre es anders auch lieber gewesen! Der einzig positve Aspekt, dass man wirklich ein Gefühl für das Leben in Indien bekommt, mit den Problemen, die sich aus den verschiedenen Religionen und Traditionen, aus Korruption und Machtgier ergeben, reißt es leider auch nicht mehr raus.

Man kann übrigens beide Bände in einem erwerben: als handliches *räusper* Taschenbuch mit 1.359 Seiten unter dem Titel Der Pate von Bombay.

…meine finale Empfehlung an euch lautet jedoch: Besucht die Stadt! Ich war 2016 für 6 Tage dort. Das Gewühl, die Farben, die Menschen … all das ist wesentlich spannender als dieses Buch!

Kristina

Autor: Vikram Chandra
Buchtitel:
Der Gott von Bombay
Übersetzung:
Aus dem Englischen von Barbara Heller und Kathrin Razum
Verlag:
Aufbau Verlag

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Ein Gedanke zu “Werdegang eines Gangsters

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