Rate mal, von wem das Essen kommt

© Foto: Markus, 2018

Da ich kein großer Fan klassischer „Bollywood“-Produktionen bin, habe ich nach kleineren Filmen aus Indien Ausschau gehalten. Schlussendlich kam ich zu einer indisch-europäischen Koproduktion, die zwar auch die bekannte „Schwere“ europäischer Filme beinhaltet, aber meiner Meinung nach trotzdem noch viel Leichtigkeit versprüht und gleichzeitig viele Informationen über das indische Leben bereithält. In  Lunchbox geht es um Sehnsüchte und Träume zweier Menschen in der Großstadt Mumbai.

Als Grundlage für die zu Herzen gehende Geschichte zweier einsamer Personen, die ihr Glück suchen, dient ein überwiegend in Mumbai vorherrschendes logistisches Zustellsystem. Die sogenannten Dabawallass liefern in mehrteiligen Behältern das Mittagessen der Büromitarbeiter entweder von ihrem Zuhause oder von Großküchen aus an ihren Arbeitsplatz. Wie viele andere indische Hausfrauen nutzt auch die Ehefrau und Mutter Ila diesen Dienst und ihre Kochkünste, um ihren Mann, von dem sie sich seit einiger Zeit vernachlässigt fühlt, wieder für sich zu gewinnen. Leider geht bei der Auslieferung etwas schief und die Essensbox landet bei dem Witwer Saajan (Irrfan Khan). Über diese falsch zugestellte Mahlzeit kommen die beiden unglücklichen Personen in Kontakt und tauschen sich über die Boxen fortan Nachrichten aus. Zwischen ihnen entsteht eine innige Freundschaft …

Bei Lunchbox handelt es sich um einen erfreulich ruhigen und stillen Film, der einfach nur die Geschichte von zwei Großstädtern erzählen will, die schon seit längerer Zeit unglücklich sind und über die Verbundenheit der Beiden, die dadurch entsteht. Während Saajan kurz vor seiner Pensionierung steht und seiner Frau nachtrauert, ist Ila mit ihrer Ehe unzufrieden und möchte der hektischen Großstadt entfliehen und nach Bhutan reisen, weil dort alle Menschen glücklich sein sollen. Dabei werden den beiden Hauptpersonen Charaktere zur Seite gestellt, die für einen wunderbaren unaufdringlichen Humor sorgen. So zum Beispiel die über Ila wohnende Nachbarin, die wir allerdings nie zu sehen bekommen, sondern nur hören können. Dadurch, dass Ila mit ihr nur über die offenen Fenster und Luftschächte kommuniziert und sie sich Gegenstände über einen an einem Seil befindlichen Korb austauschen, entstehen viele sehr witzige Situationen. Der Einzelgänger Saajan wiederum soll seinen jungen Nachfolger Shaikh einarbeiten, der Saajan allerdings mit seiner Übermotiviertheit und Freundlichkeit ziemlich auf die Nerven geht. Aber nach und nach schaffen es auf der einen Seite Ila und auf der anderen Seite sein nie aufgebender Kollege, ihn etwas aufzutauen. Dabei bekommen auch die beiden Nebenrollen trotz ihrer auflockernden Funktion jeweils noch eine tragische Nebengeschichte.

Insgesamt schaffen die Macher einen einzigartigen Humor, der aber auch eine große Traurigkeit enthält. So musste ich herzlich lachen, als Saajan auf Ilas ersten herzlich geschrieben Brief, in dem sie sich dafür bedankt, dass er ihr Essen zu schätzen wusste, einfach nur mit „Dieses Mal war das Essen versalzen“ antwortet. Gleichzeitig zeigt diese Szene aber auch einen verbitterten Mann, der Niemanden an sich heranlassen möchte. Zusätzlich werden in Lunchbox auch einige in Indien vorherrschende Gesellschaftsthemen zumindest angerissen, wie z.B. die große Bedeutung von Familie und die hohe Entscheidungsmacht der Väter bei Hochzeiten. Im Kern behandelt der Film aber die Geschichte von zwei Menschen,  die ihren Platz in einer hektischen Großstadt suchen und ist daher für jeden verständlich und nachvollziehbar. Und nebenbei erfährt man noch einiges über die indische Kultur und den Zustelldienst in Mumbai. Nur das Ende könnte leider so einige etwas enttäuschen, ich fand es allerdings passend.

Die beiden Haupdarsteller spielen ihre Figuren wunderbar einfühlsam und nachvollziehbar. Während Nimrat Kaur bei uns eher noch weniger bekannt ist (am ehesten kennt man sie vielleicht aus den Serien Homeland und Wayward Pines) ist Irrfan Khan schon in größeren Produktionen aufgetreten (so z.B. Slumdog Millionär, Life of Pi, Jurassic World).

Insgesamt erzählt Lunchbox ein wunderschönes ruhiges Alltagsmärchen mit leisem Humor und vielen Zwischentönen, ohne „Bollywood“-typische Elemente  wie z.B. die vielen Tanz- und Gesangseinlagen sowie die extreme Überlänge. Sehr gut abgerundet wird die BluRay durch ein 23-seitiges Booklet, in dem es kurze Beiträge über die Dabbawallas und der Stadt Mumbai gibt, garniert mit einigen Rezepten, die Ila für Saajan zubereitet hat.

Markus

Regisseur: Ritesh Batra
Filmtitel: Lunchbox
Erscheinungsjahr: 2013


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