Das seltenste Tier im Dschungel

© Foto: Karoline, 2018

Nach dem Dschungelbuch war Indien für mich noch nicht abgehakt. Denn ein Man Booker-Preisträger wartete noch auf mich. Seit ich Die Gestirne von Eleanor Catton gelesen habe, zählt dieser Preis für mich als ein verlässlicher Indikator gelungener Literatur. Als Sahnehaube obendrauf ging es in dem Roman rund um das heutige Indien. Beste Voraussetzungen also!

In Der weiße Tiger schreibt Unternehmer und Ich-Erzähler Balram in sieben Tagen einen Brief an den chinesischen Ministerpräsidenten. Das Staatsoberhaupt möchte gerne nach Indien reisen, um sich wirtschaftliche Entwicklungen und Impulse für China zu holen. Doch Balram warnt ihn vor dem indischen Regenten, von ihm immer nur der große Sozialist genannt. Dieser gaukelt allen eine große und wunderbare Demokratie vor, während er selbst korrupt und lüstern ist. Verfasser Balram versucht dem chinesischen Ministerpräsidenten die Augen zu öffnen, was er alles nicht glauben sollte, obwohl es in Broschüren steht. Er zeigt was alles abseits der Großstädte passiert: die Armut, Kastenzwänge, fehlende Grundversorgung, keine Kanalisation, keine Ärzte in staatlichen Krankenhäusern.

Balram berichtet anhand seiner eigenen Lebensgeschichte von einem Indien des Lichts und der Finsternis. Das Licht sind die reichen Gebiete an der Küste, während die Finsternis für den schwarzen Fluss Ganges steht. Er ist voller Fäkalien, Stroh, aufgedunsener menschlicher Körperteile, Büffelkadavern und industriellen Säuren und eigentlich kein Ort, an dem man aufwachsen und leben möchte. Genau diese Bildhaftigkeit und auch der persönliche Bezug durch den Haupthelden ließ mich mitleiden und mitfühlen mit den Schwachen und Ungehörten der größten Demokratie der Welt.

Mir stellte sich die Frage, wie es das kleine Kind Balram schaffen konnte, aus dem Indien der Finsternis zu fliehen, Unternehmer zu werden und dem chinesischen Ministerpräsidenten solch einen Brief zu schreiben? Ganz einfach: Er ist der weiße Tiger, ein schlauer Junge, der genau wie das seltene Tier in jeder Generation nur einmal vorkommt und damit das seltenste Tier im Dschungel ist. Er lernt im Gegensatz zu vielen Mitschülern durch seine hohe Intelligenz lesen, kann dank seines Bruders vor der harten und undankbaren Arbeit im Teehaus fliehen, lernt Auto fahren und wird beim reichen Mr. Ashok schließlich Chauffeur. Solch ein Aufstieg eines Jungen aus der Kaste der Zuckerbäcker ist selten, und dennoch beißt sich Balram erfolgreich durch.

Die Spannungskurve vom Weißen Tiger ist nicht besonders hoch, denn gleich zu Beginn klärt der Ich-Erzähler, wie er sich in diese Lage hineinmanövriert hat. Das Buch lebt viel mehr von der kritischen Darstellung und der wandlungsreichen Lebensgeschichte dieses besonderen Jungen, dem man nie eine solche Karriere zugetraut hätte. Ich lernte das Schubladen-Denken und die Moralvorstellung der Inder kennen und war fasziniert von der Andersartigkeit dieser Kultur.

Genau das macht den Weißen Tiger für mich zu einem gelungenen Abschluss unseres indischen Ländermonats. Wir haben Frauenpower in Film und Comic kennengelernt, streiften mit Mowgli durch den Dschungel, trafen auf streitende Freundinnen, begleiteten der Widerspenstigen Zähmung auf indisch, wühlten uns mit dem Paten durch Bombay, deckten mit einer Emigrantin Missstände auf und aßen mit humorvollen Menschen zu Mittag.
Wir freuen uns schon auf den Mai, denn dann verschlägt es uns in das Land der Pharaonen!

Karoline

Autor: Aravind Adiga
Buchtitel: Der weiße Tiger
Übersetzung: aus dem Englischen von Ingo Herzke
Verlag: C.H. Beck

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13 Gedanken zu “Das seltenste Tier im Dschungel

  1. Tintenhain schreibt:

    Ich hab das Buch im Lesekreis zum Thema Indien gelesen und mir hat es auch gut gefallen. Die thematischen Lesemonate finde ich toll. Bin schon gespannt auf Ägypten. Spontan fiele mir hier Naghib Machfuz ein.

    Viele Grüße,
    Mona

    • Karoline schreibt:

      Hallo Mona, was hattet ihr denn bisher so für Länder im Leserkreis? Das klingt ja ebenfalls äußerst spannend! Alaa al-Aswani mit seinem Automobilclub soll sehr gut sein. Aber ich bin noch unentschlossen 😉
      Liebe Grüße
      Karo

      • Tintenhain schreibt:

        Wir hatten China, Russland und Indien sowie Themen wie Insel, Wüste, Neubeginn… In dem Lesekreis bin ich inzwischen nicht mehr dabei, aber ich fand das immer toll. Mein jetziger (verbliebener) Lesekreis liest eigentlich immer ein Buch.

        LG,
        Mona

      • Karoline schreibt:

        Oh China hatten wir noch nicht, da brenne ich ja auch drauf! Hab da auch schon was in der Hinterhand 🙂 was habt ihr denn bei China gelesen? Und gab es bei Indien auch noch andere interessante Bücher?

        Liebe Grüße
        Karo

      • Tintenhain schreibt:

        Zu Indien hatte ich damals einen Blogbeitrag mit allen Büchern geschrieben:

        Bei den Büchern aus China hatte ich auf dem Blog nach Vorschlägen gefragt und dann aber nur im Monatsrückblick die gelesenen Bücher aufgeführt (ganz unten). Wenn Du Lust hast, kannst Du ja mal stöbern.

        Liebe Grüße,
        Mona

    • Karoline schreibt:

      Danke liebe Mona, da hast du aber ein paar schöne Buchtitel zusammengetragen. Ich hoffe ja, dass ich bald drauf zurückgreifen kann 😉

  2. tination8 schreibt:

    Sehr schöne Besprechung!!! Habe das Buch vor vielen Jahren gelesen. Schön, wie die Erinnerungen an das tolle Buch wiederkommen.

    Ich habe aber das Gefühl, dass das Buch in Deutschland so gar keine Aufmerksamkeit erhalten hat, oder?

    LG

    • Karoline schreibt:

      Vielen Dank 🙂 Ja, genau das Gefühl hatte ich auch. Gut, „Der weiße Tiger“ ist nicht brandneu (die Erinnerung kann also schon etwas getrübt sein), aber die Man Booker-Preisträger gehen häufiger etwas unter wie ich finde. Aber es hat sich wirklich gelohnt!

      Liebe Grüße
      Karo

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