Ein letzter Brief noch, dann ist Schluss

Loving Vincent

© Foto: Bettina, 2018

Eine Laune führte mich beim sonntäglichen Spaziergang vorbei an einem der örtlichen Indie-Kinos. Oft entdecke ich hier Filme, von denen ich zwar noch nicht gehört habe, deren Fund mich allerdings hocherfreut. Wie die Faust aufs Auge passte auch dieses Mal der Film im Abendprogramm. Nach einem kurzen Ausflug zur Konditorei saß ich dann also im kleinen, aber rappelvollen Saal, um mir Loving Vincent anzuschauen. Auf ein derartiges Kunstwerk hätte ich jedoch kaum vorbereitet sein können.

Es ist bereits 1891, ein Jahr nach dem Tod von Vincent van Gogh, doch sein letzter Brief an seinen Bruder Theo ist immer noch nicht zugestellt. So schickt Joseph Roulin, seines Zeichens Postmeister und einer der wenigen verbliebenen Freunde des Künstlers, seinen Sohn Armand los, dies nun endlich zu erledigen. Widerwillig macht der sich daraufhin auf den Weg nach Paris, um Theo ausfindig zu machen. Es stellt sich als außerordentlich schwer heraus einen Empfänger für den Brief zu finden. Während seiner Besuche bei Vincents Bekannten fragt sich Armand zunehmend, wie es zu dessen Selbstmord kommen konnte, waren doch die letzten Nachrichten an Joseph äußerst hoffnungsvoll. Schließlich landet Armand im kleinen Städtchen Auvers-sur-Osie in Nordfrankreich, wo Vincent seine letzten Tage verbrachte. Hier will er der Sache endgültig auf den Grund gehen.

Wie ein Krimi entfalten sich Armands Nachforschungen zu Vincents Tod vor den staunenden Augen der Zuschauer. Sehr schnell beginnt man ebenso an dem vermeintlichen Selbstmord des Malers zu zweifeln. Jede Figur, die dem jungen Mann über den Weg läuft, scheint verdächtig und ist vielleicht doch unbeteiligt. Vincents Arzt Dr. Gachet verehrt seine Kunst, hatte jedoch einen lautstarken Streit mit seinem Patienten. René Secretan gab van Gogh bei seinen Feiern alles aus, triezte und erniedrigte ihn jedoch regelmäßig. Die lebhafte Adeline Ravoux aus der Gastwirtschaft spricht in den höchsten Tönen von dem Maler und doch ist die Waffe unterm Tresen verschwunden. Das baut Spannung auf, leuchtet aber gleichzeitig Vincents Leben mehr und mehr aus. So entsteht Stück für Stück das Bild eines sensiblen, aber geradezu besessenen Mannes, der zu Lebzeiten wenig beachtet wurde, heute jedoch als ein Genie gilt.

All dies wären vielleicht nur die Zutaten zu einem netten Film gewesen, wenn da nicht diese eine Sache wäre: Loving Vincent ist mitnichten ein Realfilm, sondern ein in hingebungsvoller Kleinstarbeit geschaffener Animationsfilm. Hingebungsvoll vor allem, weil er als einziger seiner Art komplett in Öl gemalt wurde. Strahlen die Szenen der Gegenwart in den kräftigen Farben, die wir von van Gogh kennen, werden Rückblenden in dramatischem Schwarzweiß dargestellt. Selbst kleinste Regungen der Schauspieler wurden mit filigranen Pinselstrichen ins neue Medium übertragen, sodass man weiter mit Fug und Recht von großartigen darstellerischen Leistungen von Saoirse Ronan, Helen McCrory und Eleanor Tomlinson sprechen kann.

Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass meisterhaft mit der etwas melancholischen, teils tragischen, teils überbordenden Atmosphäre gespielt wird. Von einer wundervollen Filmmusik unterstützt, taucht man als Zuschauer mühelos in die traumhafte Bilderwelt van Goghs ein und freut sich über jede wiedererkannte Landschaft, jedes neu entdeckte Bild. Vielleicht macht das den Film gelegentlich auch etwas sentimental, doch die Gänsehaut bleibt. Mehr als 100 Künstler haben mehr als fünf Jahre an diesem Mammutwerk gearbeitet. Ihnen sei hier mein Respekt gezollt. Schließlich gilt: Ehre, wem Ehre gebührt.

Bettina

Regisseure: Dorota Kobiela, Hugh Welchman
Filmtitel: Loving Vincent
Erscheinungsjahr: 2018

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Ein Gedanke zu “Ein letzter Brief noch, dann ist Schluss

  1. Pialalama schreibt:

    Hallo Bettina,

    Ich fand Vincent van Gogh schon immer sehr interessant. Und auch dieser Film hört sich nach einer tollen Sache an! Nachdem ich hier gelesen habe, dass der Film sozusagen animierte Kunst ist, musste ich mir gleich mal den Trailer anschauen: Das ist ja richtig schön! Ich denke, diesen Film werde ich mir anschauen. Also vielen Dank für den Tipp 😉

    Liebe Grüße,
    Pia

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