Ein sympathischer Looser als Retter der Armen

© Foto: Karoline, 2018

Weihnachten war es soweit. Wieder steckte ich in einer meiner Western-Phasen, zu viele raubeinige Helden durchzogen meine Wunschliste. Kein Wunder, denn besonders der Neowestern erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das erklärt auch die optisch sehr ansprechende Neuauflage eines in den 70ern erschienenen Buches von James Lee Burke. Bei der dreckig-staubigen Optik konnte die Vorfreude nur riesig sein. Und weil ich kein Freund halber Sachen bin, gab es die dazugehörigen Folgebände direkt mit dazu.

Hackberry Holland ist ein dekorierter Kriegsheld. Es ist noch nicht lange her, dass er verwundet und verstört den Koreakrieg hinter sich lassen konnte. Der Heimkehrer versucht die Kriegstraumata zu verdrängen und widmet sich stattdessen ausgiebig seinem Whiskey, raucht Zigarren am laufenden Band und hurt auch gelegentlich rum. Er ist gefangen in Verpflichtungen, die ihm seine Ehefrau und sein Bruder aufzwingen, denn so eine Ehrenmedaille macht sich wunderbar, wenn man ein politisches Amt anstrebt. Seine eigentliche Arbeit als Anwalt nimmt er dabei nur sporadisch ernst. Doch als ein Freund aus der Army ihn darum bittet, ihn aus dem Gefängnis rauszuhauen, begibt sich Hackberry vom schillernden Austin-Texas ins dreckige Südtexas, das geprägt ist von Ausbeutung, Rassendiskriminierung und den Überresten des Ku-Klux-Klans, um seinem Kameraden zu helfen.

Im ersten Band Zeit der Ernte lernen wir einen gutaussehenden und trainierten Mittdreißiger kennen, den die Dämonen der Vergangenheit zermürben. Der Roman ist nicht nervenzerreißend spannend, sondern vielmehr die Schablone einer traumatisierten Generation junger Männer. Daher ärgert es mich umso mehr, dass der Klappentextschreiber hier einen richtig miesen Job gemacht hat. Die Inhaltsangabe baut mehr Gewalt auf als eigentlich vorhanden ist und verrät dabei so ziemlich den ganzen Inhalt bis auf die letzten 100 von fast 400 Seiten. Schande!

Im zweiten Teil Regengötter sind einige Jahrzehnte ins Land gegangen. Hackberry ist nun über 70 und hat seine Berufung als County-Sheriff gefunden. Er wird geplagt von Ischias und führt ansonsten ein nahezu eremitisches Leben. Anhand eines anonymen Anrufs entdeckt Sheriff Holland hinter einer verlassenen Kirche ein Massengrab mit neun erschossenen asiatischen Frauen. Er beginnt zu ermitteln, mal unterstützt, mal behindert von FBI und ICE. Eine verlässliche Stütze ist jedoch sein Deputy Pamela Tibbs, eine leidenschaftliche und Adrenalin-geladene Mittfünfzigerin. Mit mehr Herz als Verstand arbeiten sich die beiden durch ein Netz aus Zeugen und Verdächtigen, bis sie schnell bei der organisierten Grenzkriminalität landen.

Regengötter ist ein richtiger Thriller, der viel Spaß macht. Er ist viel komplexer als ich zu Beginn vermutet hätte und ändert immer wieder die Sichtweise. Jäger, Gejagte, Leute, die zwischen die Fronten geraten, jeder kommt hier zu Wort und wird eindringlich beleuchtet. Niemand ist perfekt, jeder zeigt Schwächen und Stärken. Besonders beeindruckt hat mich die Figur des verrückten Auftragskillers „Preacher“ Jack Collins, der sich als die linke Hand Gottes betrachtet und ein gestörtes Verhältnis zu sozialem Umwelt und speziell Frauen hegt. Er wie auch die anderen Berufsmörder sind durchaus facettenreich beschrieben. Sie verfügen zwar über eine Ganovenehre, intrigieren aber untereinander vom Feinsten. Jeder entfaltet da so seine ganz eigenen beruflichen Rechtfertigungen und Lebensweisheiten. Der Leser merkt, dass auch beim Autor einige Jahrzehnte zwischen den beiden Bänden liegen, dass er mit seinen Figuren zusammen gereift ist und auch einige persönliche Erlebnisse in seinem Helden Hackberry verarbeitet sind, wie seine Alkoholsucht oder schlichtweg das Altern.

Der abschließende dritte Band Glut und Asche setzt relativ zeitnah an das Ende von Regengötter an und beschreibt die Aufklärung einer brutalen Hinrichtung in den Steppen zwischen Texas und Mexiko. Militärische Geheimwaffen, Religionen, Kojoten und die Mafia prallen auch hier wieder aufeinander und bilden zusammen mit dem auf eigene Faust ermittelnden Sheriff Holland einen vielschichtigen, rasanten Roman. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Irgendwie glaube ich aber nicht, dass es der letzte Band um Hackberry gewesen sein wird. Dazu gibt es einfach zu viele offene Fragen, die ich noch beantwortet haben möchte.

Das Gute ist: Der Name Hackberry Holland liegt anscheinend in der Familie und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Somit hat der Leser die Möglichkeit verschiedene Hackberrys in unterschiedlichen Zeiten kennenzulernen. Hier hat der Autor einen wahren Geniestreich vollbracht. Auf diese charmante Art bleibt uns also die Familie Holland erhalten, ob nun in den 30ern oder als Bürgerkriegssoldaten. Wir dürfen uns auf noch so einige Abenteuer mit Hackberry freuen. Auf meiner Wunschliste stehen diese Bände jedenfalls bereits ganz oben

Karoline

Autor: James Lee Burke
Buchtitel: Zeit der Ernte, Regengötter, Glut und Asche
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Daniel Müller
Verlag: Heyne Hardcore

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ein sympathischer Looser als Retter der Armen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.