You’ll never leave Harlan alive

© Foto: Karoline, 2018

„In the deep, dark hills of Eastern Kentucky“ sind die ersten Zeilen eines frisch entdeckten Songs, einer Hommage an das alte, dreckige Amerika. Mit dieser Hymne entführe ich euch in die Hinterwäldler-Einöde von Kentucky, einem US-Bundesstaat, der mir abseits von Kentucky fried Chicken nicht besonders geläufig war. Egal, ob von Darrell Scott, Brad Paisley oder Patty Loveless interpretiert, „You’ll never leave Harlan alive“ geistert mir  mit seiner so wunderbar melancholischen Melodie seit Wochen im Kopf herum und ist mit seinem Text der genialen Serie Justified wie auf den Leib geschneidert.

Nachdem U.S. Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) sich einen bleigeschwängerten Showdown in einem Club in Florida liefert, wird er zwangsversetzt nach Lexington, Kentucky. Hier, im ländlichen County Harlan, wuchs er einst unter dem Regime eines brutalen Vaters auf und hatte nie geplant zurückzukehren. Doch das Schicksal wollte es anders und so muss er sich erneut mit den kleinkriminellen Hinterwäldlern herumschlagen. Ob nun Freizeit-Nazis, dubiose Wanderprediger, kriminelle Hanffarmer oder riesengroße Kohlekonzerne – Raylan hat alle Hände voll zu tun, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Mittendrin sein ehemaliger Minen-Kumpel Boyd Crowder (Walton Goggins), mit dem er einst in blutiger Jugend wie fast alle Männer der Gegend Kohle im Bergwerk schürfte. Zwischen diesen beiden eigenwilligen, wie schießwütigen Zeitgenossen entbrennt eine so wunderbar ausgeprägte Hassliebe, wie ich sie selten zuvor gesehen habe.

Raylan ist sicher nicht der Strahlemann vom Dienst. Als Markenzeichen trägt er immer einen Stetson auf dem Kopf, ganz im Stile seiner Wild-West-Idole. Er ist charismatisch, wortgewandt und schießt beinahe schneller als sein Schatten. Doch haftet ihm genau wie der ganzen Gegend Harlan etwas Gesetzloses an. Regeln sind da, um gebrochen zu werden und Ansagen vom Chef sind sowieso eher grobe Ratschläge. Timothy Olyphant füllt diese Rolle des unbequemen und nicht immer sonderlich sympathischen Gesetzeshüters wirklich perfekt aus. Ich hätte mir keinen besseren Raylan vorstellen können. Das gleiche trifft auf den ebenso wandlungsfähigen, wie unberechenbaren Boyd Crowder zu. Walton Goggins war mir bereits durch einige Tarantino-Filme und The Shield ein Begriff, doch hier übertrifft er sich selbst. Ich habe ihn bewundert, etwas geliebt, etwas gehasst und war einfach immer gefangen, wenn er seine großen Reden schwang. Sein religiöser Fanatismus scheint mir symptomatisch für das ländliche Amerika zu sein, denn er erinnerte mich sehr an Preacher Jack Collins, eine Figur aus dem Universum von James Lee Burke.

Diese punktgenaue Besetzung zieht sich durch alle Rollen. Das Marshal-Team besteht aus einem grantigen, aber liebenswerten Chef, der ständig seinen Kopf für Raylans Aktionen hinhalten muss, einer jungen, ambitionierten Afroamerikanerin, die sich gegen die ganzen weißen Kerle durchsetzen muss und einem Ex-Scharfschützen, der seit seinen Afghanistan-Einsätzen an PTBS leidet. Auf der Gegenseite befinden sich die kleinkriminellen Familien. Da wären die Bennetts unter der Leitung von Mutter Mags, die das Grasgeschäft dominieren, die Crowder-Familie, die bis hin zum letzten Cousin im Kokain- und Oxy-Geschäft aktiv ist oder der Crowe-Clan, der sich mit dubiosen Gelegenheitsgeschäften über Wasser hält und auch gerne mal die eigenen Verwandten aufs Kreuz legt. Dazu kommen noch die Vertreter des organisierten Verbrechens durch die Dixie-Mafia und die Kohlekonzerne. Doch egal ob Hüter von Recht und Ordnung oder kleinkriminelle Gangster: was sämtliche Schauspieler dort abliefern, ist eine Glanzleistung.

Justified strotzt nur so von humorvoll-sarkastischen Dialogen, kreativen Schimpfwörtern und zahlreichen Wortspielen. Da ich die Serie jedoch auf Deutsch geguckt habe, kann ich mir vorstellen, dass sie im Englischen noch um einiges witziger ist. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass der breite und nuschelige Kentucky-Slang nicht jedermanns Sache sein könnte.

Ein weiterer Nebeneffekt dieses tollen Neowesterns war, dass ich den Bundesstaat Kentucky kennenlernte. Auch wenn viele Szenen aus Kostengründen in Kalifornien gedreht wurden, so haben die Macher dennoch versucht die Seele Kentuckys in die Serie zu transportieren, ob nun durch separate Landschaftsaufnahmen, Sprache oder Verhalten. Ich habe erfahren, dass Kentucky früher als das Kohleherz Amerikas galt, dass ganze Landstriche nur davon lebten, Kohle in den Minen abzubauen. Doch als die Konzerne immer skrupelloser und der Abbau immer technischer wurden, ist ein Großteil der Bergarbeiter entlassen worden. Kein Wunder also, dass das Drogenschäft in einem Landstrich voller Arbeitsloser und enttäuschter Seelen boomt. Denn nicht nur Geldmangel und Langeweile, auch ruinierte Staublungen bringen die Menschen auf abwegige Gedanken.

Nach sechs Staffeln fanden Raylans Ermittlungen in einem äußerst gelungenen Showdown ihren Abschluss. Doch die tolle Musik, die kantigen, liebenswerten Charaktere und das herzzerreißende Ende ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Konnte ich noch etwas in der Welt bleiben? Dank der Bücher konnte ich es, denn immerhin beruht doch die ganze Serie auf den Geschichten von Elmore Leonard. Während sein Roman Raylan ein Zusammenschnitt aus Geschehnissen der ersten Staffeln ist, für die markante Szenen entnommen und etwas umstrukturiert wurden, so war die Kurzgeschichte Fire in the Hole beinahe identisch mit der ersten Folge der ersten Staffel. Sie gilt als Inspiration für die Serienadaption. Hier durfte ich erneut in Erinnerungen schwelgen und verträumt den in fast jeder Staffel gesungenen Outro-Song „You’ll never leave Harlan alive“ vor mich hin summen.

Karoline

Erschaffen von: Graham Yost, Elmore Leonard
Serientitel: Justified
Ausgestrahlt: 2010-2015

Autor: Elmore Leonard
Buchtitel: Raylan, Fire in the Hole
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann
Verlag: Suhrkamp, William Morrow

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