Kanadischer Karottenkopf mit Charakter

Anne with an E Cover

© Bild: Netflix, 2018

Nachdem ich mich als Kind durch ein oder zwei Bücher aus der Trotzkopf-Serie und dem Backfisch-Genre geackert und gequält hatte, war für mich klar: Nie wieder lese ich so etwas! Strikt lehnte ich daher alles ab, was dem mir so leidigem Thema nahe kam. Kurioserweise fiel darunter auch die Anne of Green Gables Reihe der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery. Völlig zu Unrecht, wie ich nun sagen muss, denn die Neuverfilmung des Stoffes als Anne with an E belehrte mich endlich eines Besseren.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert bewirtschaften die Geschwister Marilla und Matthew Cuthbert einen Bauernhof in der Gemeinde Avonlea auf Prince Edward Island. Beide sind bereits nicht mehr jung, unverheiratet und kinderlos, daher sorgen sie sich um die Zukunft ihrer Farm Green Gables. So beschließen sie eine Waise aus Nova Scotia zu adoptieren. Ein Junge soll es sein, ehrlich, besonnen, kräftig und tüchtig. Da staunt Matthew nicht schlecht, als er stattdessen am Bahnhof das rothaarige Mädchen Anne Shirley vorfindet. Anne mit einem e, wie sie ihm gleich erklärt, damit ihr gewöhnlicher Name wenigstens etwas Charme hat. Wie sich auf der Fahrt nach Hause herausstellt ist sie gesprächig, fantasievoll und eine Träumerin vor dem Herrn. Vollkommen begeistert von der Idee endlich eine Familie zu haben, lässt sie ihren Gefühlen freien Lauf und liebt die neue Umgebung auf den ersten Blick. In Green Gables angekommen, sieht die Welt allerdings nicht mehr so glänzend aus. Marilla will den erwarteten Jungen haben und Anne wird nur eine kurze Probezeit eingeräumt, um sie zu überzeugen.

Es ist wohl nicht zu viel verraten, wenn ich hier schreibe, dass Anne natürlich, nachdem einige dramatischen Situationen überstanden sind, bei den Cuthberts bleibt. Der Zuschauer verfolgt dann, wie sie als neuer Teil der Familie zur Schule geht, ihre beste Freundin Diana kennenlernt und Gilbert Blythe, der beliebtesten Junge der Klasse, ihr Rivale wird. Der findet Anne zwar auf Anhieb toll und interessant, begeht aber den fatalen Fehler sie mit ihrer verhassten Haarfarbe zu necken.

Nur halb so interessant wäre die Geschichte ohne die vielen, wirklich schön ausgearbeiteten Figuren. Einzelne Abschnitte geben einen Einblick in die Vergangenheit des furchtbar schüchternen Matthews und der forschen Marilla. In der exzentrischen alten Dame Josephine Barry findet Anne eine Stütze und wächst in liebevollen Szenen näher mit ihrer Gruppe von Freundinnen zusammen. Die schauspielerische Leistung der Darsteller kommt dabei vor allem bei den älteren Generationen gut zum Tragen. Noch jetzt ist mir die Szene in Erinnerung, in der Marilla von Schuldgefühlen geplagt auf die Rückkehr von Anne und Matthew wartet. Aber auch Lucas Jade Zumann als Gilbert und Amybeth McNulty als Anne machen eine gute Figur.

Will man mit der liebenswert anderen Anne warm werden, sollte der geneigte Zuschauer aber auf jeden Fall eine gehörige Portion Pathos verkraften können. Sie ist Romantikerin durch und durch, verfällt gern in ausschweifende Beschreibungen oder märchenhafte Tagträume und redet praktisch ununterbrochen. Ihr Gefühlsleben wirkt dadurch umso reicher und es ist leicht mit ihr mitzufühlen. Manchmal allerdings wünscht man sich, ihr neuester Ausbruch möge ein schnelles Ende finden. Doch gerade im Zusammenspiel mit anderen Charakteren wird deutlich, wie sympathisch die Hauptfigur sein kann. Wenn Josephine Barry sie mit trockenem Witz zurechtweist, Matthew mit glücklichem Erstaunen neben ihr sitzt oder die Nachbarin und Klatschbase der Umgebung, Rachel Lynde, von ihr an der Nase herum geführt wird, erlebt man dies als Zuschauer gerne mit.

Wie nahe sich diese Verfilmung an der Buchvorlage bewegt kann ich natürlich nicht sagen. Auffällig ist jedoch, dass einige Szenen modernisiert wirken und anscheinend Abschnitte mit heutigen Ideen eingefügt wurden. Diese Version hat dadurch offensichtlich feministischere Töne, als ich es im Original vermuten würde. Leider waren es häufig gerade diese Szenen, die mir etwas gestellt und gewollt erschienen. Erzählstränge wie der Eklat, den Anne wegen ihrer Erfahrungen bei ihrer früheren Pflegefamilie auslöst oder Marillas Besuchen beim Club der progressiven Mütter, fallen daher eher unschön auf.

Eine Augenweide ist wie immer die Landschaft Kanadas, die diesmal tatsächlich zu sehen ist und mit ihrer Schönheit beeindruckt. Da möchte man es Anne gleichtun und jauchzen. Zu Ende der ersten Staffel legen sich zwar gleich mehrere Schatten über das beginnende Leben der neuen Familie, aber wie es weitergeht, werden wir hoffentlich bald erfahren. Sonst würde mich die Anspannung wohl wahnsinnig machen.

Bettina

Erschaffen von: Moira Walley-Beckett, Lucy Maud Montgomery
Serientitel: Anne with an E
Ausgestrahlt: seit 2017

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2 Gedanken zu “Kanadischer Karottenkopf mit Charakter

  1. Herba schreibt:

    Vielen Dank für Deine Eindrücke.
    Ich als Kind der Achtziger Jahre bin von der damaligen Verfilmung so geprägt, dass ich mich einfach nicht dazu aufraffen kann, die Neuverfilmungen zu schauen, aber ich freue mich total, dass dadurch neue Fans dieser wunderbaren Geschichte gefunden werden!

    • Bettina schreibt:

      Ich kann es absolut verstehen, wenn eine bestimmte Verfilmung schon so tief in den eigenen Erinnerungen verwurzelt ist, dass man nicht mehr loslassen mag. Und jede Veränderung besonders kritisch beäugt. Das geht mir bei einigen anderen Verfilmungen ganz genauso. Ich sag da nur Pride&Prejudice …

      Hast du denn mal in den neuen Trailer reingeschaut? Mich würde richtig interessieren, wie sich die Stimmung der beiden Serien unterscheidet. Solltest du doch einen Blick reinwerfen wäre ich über deine Meinung dazu sehr erfreut!

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